Der Gesprächskreis Homosexualität

war Initiator der Gedenktafel für die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus.

Totgeschlagen - Totgeschwiegen -
den homosexuellen Opfern
des Nationalsozialismus

Gedenktafel für die Homosexuellen Opfer - KZ Sachsenhausen

Stolpersteine

für die bisher namentlich bekannten ermordeten Homosexuellen des KZ Sachsenhausen

Herbert Gürtzig

Stolperstein für Herbert Gürtzig Geboren am: 06.04.1897
Geburtsort: Berlin
Ermordet am: 21.01.1942
Verlegeort: ⟩ 13409 Berlin, Emmentaler Straße 74
Initiator: ⟩ AG Stolpersteine Reinickendorf
Zum Lebensweg: Herbert Gürtzig wurde am 6. April 1897 in Berlin geboren und evangelisch getauft.1 Seine Eltern waren Johannes und Alma Gürtzig, die am 13. Mai 1896 geheiratet hatten. Die Ehe wurde am 2. Juli 1920 rechtskräftig aufgelöst.

Über die Kindheit von Herbert Gürtzig ist leider nichts bekannt. Wir wissen nur, dass er das Lessing-Gymnasium in Berlin-Wedding besuchte. Im Mai 1916 begann er eine Lehre als Bankrevisor bei der Nationalbank für Deutschland AG. Vom Juli 1917 bis zum Ende des ersten Weltkrieges war er zum Heer eingezogen, kämpfte aber nicht an der Front. Später war er wieder bei verschiedenen Banken tätig und nach 8-monatiger Erwerbslosigkeit verdiente er seinen Unterhalt als Schaffner. Durch eine erste Verurteilung nach § 175 RStGB (Homosexualität) war Herbert Gürtzig von 1930 bis 1933 stellungslos. Danach arbeitete er ein Jahr beim Landesfinanzamt Berlin. Nach weiterer 5-monatiger Arbeitslosigkeit erhielt er eine Stellung als Gutssekretär in Duckow (Kreis Stettin). 1935 kehrte er erwerbslos nach Berlin zurück, verkaufte eine Zeit lang Zeitungen auf der Straße.

1936 wurde er aus obigem Grund erneut verurteilt. Die Gesamtstrafe betrug 5 Monate und 2 Wochen. Der Ledige wohnte später in Berlin-Reinickendorf und arbeitete als technischer Angestellter bei einer Firma in Berlin-Wannsee.

Von Oktober 1937 bis Februar 1939 wohnte Herbert Gürtzig als Untermieter bei einer Familie in der Aroser Allee. Es entwickelte sich eine einvernehmliche freundschaftliche sexuelle Beziehung zwischen ihm und dem 17jährigen Sohn des Vermieters. Dessen Vater stellte daraufhin im Februar 1939 eine Strafanzeige gegen Herbert Gürtzig und wies ihn aus der Wohnung.

Herbert Gürtzig wurde am 2. März 1939 in der Emmentaler Str. 74, wo er inzwischen mit seinem Vater zur Untermiete wohnte, festgenommen. Seit dem 6. März 1939 befand er sich in Untersuchungshaft in Berlin-Moabit und wurde am 12. Mai 1939 unter Anrechnung der Untersuchungshaft zu 2 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Herbert Gürtzig hatte auf Anraten seines Anwalts wiederholt Ärzte aufgesucht, die ihn z.B. durch Hormongaben oder Kastration von seiner homosexuellen Veranlagung angeblich befreien sollten. Aus dem Erlass Heinrich Himmlers vom 20. Mai 1939 ergab sich, dass durch diese grausame Prozedur eventuell eine Einlieferung in ein Konzentrationslager verhindert werden könne.

Seit dem 16. Januar 1940 verbüßte Herbert Gürtzig seine Strafe im Emslandlager III in Brual-Rhede. Gefangene mussten hier täglich Zwangsarbeit im Moor leisten. Wegen Mooruntauglichkeit wurde Herbert Gürtzig am 19. Dezember 1940 in das Zuchthaus Brandenburg-Görden überführt. Als Strafende war der 7. April 1941 angegeben.

Es ist anzunehmen, dass Herbert Gürtzig trotz der Verbüßung seiner Strafe am 25. Mai 1941 direkt in das KZ Sachsenhausen gebracht wurde. Er erhielt dort die Häftlingsnummer 37804 und wurde unter der Häftlingskategorie BV/175 geführt. BV stand für Berufsverbrecher, also einen Mann, der mehr als einmal bestraft wurde. Die Zahl 175 stand für den § 175 des Reichsstrafgesetzbuches.

Wiederholt verbrachte Herbert Gürtzig im KZ Sachsenhausen mehrere Wochen im Krankenbau:
  • 21.10.1941 bis 06.11.1941
  • 10.11.1941 bis 19.11.1941
  • 03.12.1941 bis 20.12.1941

Er starb im Konzentrationslager am 21. Januar 1942 laut Sterbeurkunde an Herz- und Kreislaufschwäche. Dies war in der Sprache der Mörder eine der üblichen fingierten Todesursachen.
Bild: © Lothar Dönitz, Berlin - Text: AG Stolpersteine Reinickendorf, Stand der Recherche zum 5. Dezember 2017
Fußnoten:
1  KZ Sachsenhausen 1939-1945: ⟩ Internet-Totenbuch der Gedenkstätte Sachsenhausen.
 Karteikarte: Niedersächsisches Landesarchiv, Staatsarchiv Osnabrück Rep. 947 Lin I, Lager Börgermoor.