Der Gesprächskreis Homosexualität

der Ev. Advent-Zachäus-Kirchengemeinde Berlin-Prenzlauer Berg
war Initiator der Gedenktafel für die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus.

Totgeschlagen - Totgeschwiegen -
den homosexuellen Opfern
des Nationalsozialismus

Gedenktafel für die Homosexuellen Opfer - KZ Sachsenhausen

Stolpersteine

für die bisher namentlich bekannten ermordeten Homosexuellen des KZ Sachsenhausen & des Männerlagers im KZ Ravensbrück

Gustav Fritz Herzberg1

Stolperstein für Gustav Herzberg Geboren am: 26.09.1907
Geburtsort: ⟩ Breitenstein | Südharz
Ermordet am: 26.06.1942
Verlegeort: ⟩ Berlin-Mitte, Kurstraße 32
Initiator: Xenia Trost
Zum Lebensweg: Gustav Fritz Herzberg wurde am 26. September 1907 in Breitenstein bei Sangerhausen im Südharz in Sachsen-Anhalt geboren und evangelisch getauft. Seine Eltern waren der Gastwirt Gustav Herzberg
(* 24.10.1878 in Stiege) und Frieda Herzberg geb. Beinroth (* 10.08.1878 in Dankerode). Sie wohnten in
⟩  Harzgerode im Harz.

Im Frühjahr 1922 wurde Gustav Herzberg in Harzgerode konfirmiert. Sein Poesiealbum ist 1922 eifrig geführt worden. Über 40 Lehrer, Mitschüler, Mitkonfirmanden, Schulfreunde und -freundinnen haben ihre Verse dort eingetragen. Das erhalten gebliebene Poesiealbum enthält zwei Eintragungen aus seiner Zeit als junger Mann - beide auf ihre Art ebenso bewegend wie vielsagend und unabsichtlich schicksalsträchtig:
»Gib dich der Freude ganz und eigen,
wenn Dich umgwogt ihr Gold'ner Strahl,
doch zag auch nicht, auch nicht, wenn Du musst neigen,
Dein Haupt dem Schmerz im Tränental.«

In stetem Gedenken ein guter Freund. Weihnachten 1930

»Bezwing' Dein Herz damit es nicht
Was es bewegt, den Menschen zeige.
Die Welt will strenge nur die Pflicht.
Die wahre Liebe kennt sie nicht.
Drum was Dein Herz bewegt
- verschweige.«

In treuem Gedenken
Dein bester Freund
Er blieb ledig, war später nicht Mitglied einer politischen Organisation. Ab 1934 wohnte er in
⟩  Bad Tölz. Zuvor war hatte in Unterleiten in Oberbayern gelebt.

1936 zog er nach Berlin-Tiergarten und später wohnte er bis zu seiner Verhaftung in Berlin-Mitte, ⟩ Kreuzstraße 16, diese Straße existiert nicht mehr, in etwa hinter dem heutigen Auswärtigen Amt.

Aus bisher ungeklärten Gründen wurde er am 14. Juni 1941 wegen des Verdachts gegen §175 StGB verstoßen zu haben, von der Kripo Berlin verhaftet, von der Gestapo in Schutzhaft genommen, es wurden
3 Monate Arbeitserziehung angeordnet, und in das ⟩  Arbeitserziehungslager Wuhlheide2 eingeliefert.

Gustav unternahm am 17. September 1941 einen Fluchtversuch. Er sprang in 5 m Höhe von einer Brücke, verletzte sich schwer und wurde gefaßt. Um 12 Uhr mittags kam er mit dem Verdacht auf Schädel-, Rippen- und Beckenfrakturen ins ⟩ Staatskrankenhaus der Polizei, Berlin-Mitte, Scharnhorststraße (heutiges Bundeswehrkrankenhaus). Er war stark abgemagert und wog bei einer Körpergröße von 1,70 m nur
noch 50 kg. Nach seiner Genesung wurde er am 20. November 1941 zurück zur Gestapo-Dienststelle IV C2b überführt. 3

Am 10. September 1941, eine Woche vor Gustavs Fluchtversuch, hat sich der Arbeiter Paul Lempke (58 Jahre alt) das Leben genommen, indem er sich am ⟩  Bahnhof Friedrichsfelde-Ost vor einen Zug stürzte. Weitere Selbsttötungen sind bekannt. Der belgische Färber Odilon Quintelin, 34 Jahre, am 27. August 1941 und Georg Jacoby, 61 Jahre am 18. November 1942. Mehr im Buch ⟩ "Versklavt und fast Vergessen. Zwangsarbeit im Berliner Bezirk Lichtenberg 1939-1945"

Am 12. Februar 1942 transportierte die Polizei ihn auf Anweisung der Kriminalpolizei Berlin aus Potsdam kommend in das KZ Buchenwald bei Weimar in Thüringen, wo die SS ihn als Homosexuellen einstufte, er im Block 46 untergebracht wurde und die Häftlingsnummer 6.708 erhielt. Außerdem teilte man ihn acht Tage darauf, wie viele andere Homosexuelle auch, der Strafkompanie zur Schwerstarbeit im berüchtigten Steinbruch zu.

Bereits am 13. März 1942 überführte man ihn gemeinsam mit 800 anderen Häftlingen von Buchenwald in das Männerlager des KZ Ravensbrück, darunter sollen weitere 39 § 175 Opfer4 gewesen sein. Namentlich bekannt sind die Mithäftlinge: ⟩ Josef Anton Sontheim, ⟩ Kurt Willi Köpp, ⟩ Otto Weißer, ⟩ Heinrich Bauer und ⟩ Werner Gluszweski.


Bild: 🔎 Lagerkartei aus dem KZ Buchenwald.4
Grund: »Steht im Verdacht sich nach § 175 vergangen zu haben.« sowie die Verlegung am 13.3.1942 nach ⟩  KZ Ravensbrück - Männerlager eingetragen.
Im Männerlager des KZ Ravensbrück erhielt er die Häftlingsnummer 1.329. Gustav Herzberg wurde
am 26. Juni 1942 im Alter von 34 Jahren im KZ Ravensbrück nach rund viereinhalb Monaten im KZ-System ermordet. Seinen Leichnam äscherte man im Krematorium der Stadt Fürstenberg/Havel ein.6 Sein Vater durfte die Urne in Ravensbrück abholen. Gustav wurde auf dem Friedhof in Harzgerode beigesetzt. Neben Gustav haben seine Eltern ihre letzte Ruhe gefunden.

Bild: 🔎 © Lothar Dönitz
Die Verlegung des Stolpersteins fand am 26.02.2020 im Beisein seiner
Nichten Ursula (86) & Rosemarie (81)! statt.

Am 27. Juni 2020 trafen sich gemeinsam mit Frau Trost und Schwester die Freund:innen des Gesprächskreises Homosexualität zum ⟩  Gedenken im Männerlager des KZ Ravensbrück. Leider konnten wegen der Corona Krise seine Nichten aus Harzgerode nicht anreisen.

⟩  Bildergalerie: 27. Juni 2020 - Gedenkveranstaltung im Männerlager des KZ Ravensbrück
Siehe auch: ⟩  Wir erinnern an ... (Jürgen Wenke, Bochum)
Besonderen Dank gilt der Großnichte, Frau Xenia Trost. Sie hat das Leben und Schicksal erforscht, den Stolperstein initiert. Um die Lücken in der Biografie zu schließen setzt sie die Erforschung fort.

Autor:innen: Xenia Trost, Lothar Dönitz, Berlin, März 2021. Wir danken allen die uns unterstützt haben.

Fußnoten:
1 Biografie Gustav Herzberg, Xenia Trost, Berlin, Stand März 2021
2 Das nationalsozialistische "Arbeitserziehungslager Wuhlheide" (AEL) befand sich auf einen Geländeabschnitt des Schlossparks (heute Tierpark Berlin) am Triftweg und der Eisenbahnstrecke nach Straußberg. Eine in der Nähe liegende Blockstelle der Reichsbahn "Wuhlheide" gab dem Lager seinen Namen.
Siehe auch: „Wo Arbeit Strafe war - Das "Arbeitserziehungslager Wuhlheide" Die Dokumentation beleuchtet die Entstehung, Bedeutung und Funktion des sog. "Arbeitserziehungslagers (AEL)" Wuhlheide.
⟩ YouTube Video Teil I .
⟩ YouTube Video Teil II
3 Quelle: Bundesarchiv, Krankenakte Gustav Herzberg.
4 Auszug aus der Datenbank der Gedenkstätte Buchenwald vom 12.06.2020.
5 Karteikarten  © International Center on Nazi Persecution (ehem. Internationaler Suchdienst Arolsen.)
6 Das lagereigene Krematorium wurde erst später, im April 1943, in Betrieb genommen. Bis dahin wurden die Leichen des KZ im ⟩  Städt. Krematorium der Stadt verbrannt.