private Arbeitsgemeinschaft "raunitz", Berlin

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Leseprobe

Peter Rausch HOMOBLOCKER
Historischer Roman 2056 bis 2104


Sounddesign
Prolog

Wir setzten Klebstoff, Kitt und Fugenmasse hinzu. Alles für das Wachstum des Klanggebäudes. Wir warteten. Uns wurde langweilig. Die Töne reagierten zwar miteinander, stießen sich ab und zogen sich an, bildeten flüchtige Akkorde und zerfielen wie mutwillig in Dissonanzen. Das Übliche. Unzählige Playbacks, nicht mehr als Reproduktion. Zögernd erst entstand eine Struktur, ein paar Klangbögen, eine Geräuschkulisse.
Das Geraschel und Gesäusel klang oft süßlich und schmierig. Wir bauten Sicherungen ein. Das Geräusch dominierte das Orchester und auch den Chor. Wir verschärften die Sitten. Die wirkten jetzt wie ethische Barrieren und drakonische Maßnahmen. Aber der Stoff setzte Spaß und Vergnügen dagegen, und das nicht nur zu jenen fruchtbaren Zeitpunkten, sondern immer und unvermeidlich.
Die Klänge vernetzten sich und hielten zusammen. Ein Kinderlied. Ein Musikfilm klang auf. Etwas wie Komische Oper inszenierte sich. Das gefiel uns. Ohne diese kompositorische Begabung hätten sich die Primaten in den Savannen Afrikas zerstreut, Bananen gefressen und die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Aber der Kitt hielt. Ohne Sex wären die Denkapparate und die Greifwerkzeuge der Humanoiden eine Ausgeburt der Natur geblieben. Ihr Sex aber erzwang Begegnen, Verbinden und Verklumpen. Zuverlässige Vorgänge: Sie mussten zueinander kommen. Sie wollten zueinander und brauchten einander. Sicherer Baugrund, die Kunst der Fuge. Kooperation differenzierte sich. Gemeinsam drei Millionen Jahre. Intelligentes Leben wurde möglich. Bei guter Pflege und sonniger Lage. Wo war der Haken? War die kleine Differenz so bedeutungsvoll wie die zwischen Materie und Antimaterie, damals bei Entstehung des Universums. War Heterosexualität etwa ein Quantum mächtiger als Homosexualität? Falsche Rezeptur? Hielt der Kitt irgendwann nicht mehr? Haltbarkeit abgelaufen? Zerstreute sich der Ameisenhaufen früher oder später über den Gehweg der Geschichte? Zerstörte er sich selbst? Das wäre eine Sensation. Oder gab es diese geringe Differenz gar nicht, war der Austausch von Körperflüssigkeiten im Gleichgewicht, und fand die Menschheit eine helle, klingende Zukunft in den Weiten des Universums, nachdem sie ihre Kindheit auf der Erde durchlitten hatte?
Eventuell genügte ein hochwertiges Arrangement aus einer Topagentur?


Kurz vor Schluss

Niemand da?
Alle zu Brei?
Geht auch ohne Menschen. Leere Flugzeuge, leeres Flugfeld, leere Hallen, leere Counter. Karl-Heinz Braun stellte sich auf eine vollautomatische Transportwabe und fuhr auf den vollautomatischen Leitbändern vom vollautomatischen Flugzeug ins vollautomatische Terminal. Geht auch ohne Beine. Die Leitbänder rangierten Karl-Heinz Braun direkt vor einen der leeren Ausgänge. Er winkte ein Servicepult heran. Ohne rechte Hand? Geht nicht.
Karl-Heinz legte seine rechte Hand auf den Scanner des Servicepults. Das Pult erstrahlte und begrüßte ihn mit männlicher Stimme: "Welcome to Berlin, Mr. Brown!"
›My American Sexmachine.‹
Aus dem Pult der Servicestation reckte sich ein Avatar in dreißig Zentimeter Höhe. Er breitete die Arme aus. "Hallo, Lady. I love you."
Karl-Heinz antwortete: "Zeig mir deine Muskeln!"
Der Avatar machte Männchen und lachte Karl-Heinz Braun an. Karl-Heinz sah sich um: "Wieso bin ich allein? Allein?"
Der Avatar aufmunternd: "Allein, allein? Its property, Charly Brown."
"Lovelyluleley, my stupid Sexmachine", summte Karl-Heinz Braun einen alten Disko Hit und tippte mit dem linken Zeigefinger auf den Arsch des Avatars. "Sesam öffne dich!", flüsterte er dem Avatar zu. ›Ohne die linke Hand geht gar nichts.‹ Die linke Hand strich über die Felswand, die sich jetzt hinter dem Avatar aufbaute, während die rechte Hand ein paar Zeichen eingab. Der Avatar ging zur Seite. ›Wie in echt damals. Wild Palms, der mit der wilden Palme.‹ Die Wand öffnete sich. "Sie haben Post" sagte eine Frauenstimme. In der Felsöffnung aber stand ein paar Sekunden lang."Ihr toter Briefkasten ist leer." Keine Warnung, kein Hilferuf, keine einzige schlechte Nachricht. Der Avatar entschuldigte sich und flüsterte Karl-Heinz die gegenwärtige Adresse der GoldrohrAgentur zu. Karl-Heinz wischte mit der rechten über das Servicepult und wünschte sich den Avatar lebendig. "Na dann, tschüss!" seufzte er. Geht auch ohne Sex. Der Schirm leuchtete jetzt grau und es stand "13. September 04" drauf. War das schon eine Bedrohung? So richtig ernst? Plingplong. Eine elegante Frauenstimme raunte aus dem Off: "Ihre Zinsschuld, Herr Braun, beträgt 2.298.001,00 Euro."
"Mit Fahrschein oder ohne?" fragte Karl-Hein Braun und machte Asche über die Schulter. Die lange Millionenzahl war jetzt auf dem grauen Schirm zu lesen. Karl-Heinz markierte mit der linken Hand die erste 2 und ersetzte sie mit der rechten Hand durch eine Fünf. Er sagte "Ok" und schob das Servicepult weg. Dann murmelte er "Finanzbläschen" und "Papierpickel" und "Enkelveräppeln" während ihn die Leitbänder hinunter zur S-Bahn fuhren.

Die Leitbänder fuhren auf Neonschienen und summten in designten Frequenzen. Links und rechts zogen in großen Bögen andere Leitbänder die gläsernen Flure lang, schwangen sich in die verschiedenen Etagen, kreuzten einander, berührten sich an intelligenten Umsteigepunkten. Die Glasscheiben der Hallen und Gänge folgten in breiten Streifen den Leitbändern, wanden sich hinauf und hinab, wölbten sich über ausschweifende Sitzreihen in Lounges und über nierenförmige Automatencafés. Hier saßen eins, zwei, drei Leute. Sie drückten ihr Handgepäck an sich und warteten vielleicht schon seit zehn Jahren auf irgendeine Aufforderung aus den Lautsprechern im Mobiliar. Aber nichts außer den Leitbändern und den Werbeeinblendungen auf den Glaswänden bewegte sich. Malvenfarbenes Tageslicht in den Fluren und pfirsichfarbenes in den Sälen.

S-Bahnsteig Richtung Wannsee. Reißverschlüsse zu. Sicherheitsknöpfe von Jacke und Hose aktiviert. Leerer Zug. "Zurückbleiben, bitte!" rief es aus der Bahnsteigkante. Der Zug bestand aus ineinander gesteckten kurzen Röhren, die eingeklinkt auf der Magnetschiene saßen. S-Bahnzüge unverdächtig. Sacht verließ die Bahn den Flughafen, beschleunigte still. Tageslicht, gelbgrün, blassblau. Fehlfarben, unbehaglich. Das künstliche Licht im Flughafen hatte den Weißabgleich der Augen verstellt. Die Farben der Gegend abgezehrt, staubig, gelbsüchtig. Die Einfamilienhäuser neben dem Bahndamm mit feiner Staubschicht überzogen. Die flachen, fahlen Häuser lauerten wie Hofhunde. "Da ist so einer", flüsterten die Häuser. Wie Hofhunde hinter dürren Büschen, hinter alten Apfelbäumen, trockenen Trögen und pulverigem Erdboden. Die griesgrämigen Häuser der Einfamilien machten nur widerwillig Platz für die S-Bahn mit Karl-Heinz Braun. Feindliches Territorium. Immer auf der Hut. Wie ging das nur? Der Wechselbalg hatte alle Feindseligkeit überlebt.

Adlershof.
Der Bahnsteig leer. Der Vorplatz leer. Aber Endzeitszenarien sahen anders aus: Zerstörung, Mangel, Gesetzlosigkeit, Hunger, Krankheit, Terror, Angst und Schrecken. Nichts davon. Wärmetod? Bleiben kurz vor Schluss alle Berliner in ihren Wohnungen, nippen in der Essecke am Milchkaffee? Karl-Heinz Braun hatte jetzt Lust auf Tiramisu und Milchkaffee. Früher war auf dem Bahnhofsvorplatz in Adlershof Mongolenmarkt. Silberne und blaue Jurten. Dazwischen dunkelrot gestreifte Sonnendächer über Teppichen und Sitzpolstern. Flirrende Musik, süße und scharfe Düfte, Teigtaschen in dampfenden Kesseln und tropfende Fleischplatten auf Elektrogrills. Hier und da standen an den Rändern des Platzes Illu-Gatter. Die Gatter gaukelten elektronisch Steppen bis zum Horizont vor. "Hilfe die Mongolen kommen!" Die Hausfassaden um den Platz hatten sich gepanzert, schon rechtzeitig vor dem Mongolenmarkt. Queerformelle Architektur nannte sich das damals. Die alten Gründerzeithäuser waren nach der vierten Sanierungswelle eingefasst wie Edelsteine in Eisenschmuck. Überdimensionale Stahlkrampen zwischen den Fassaden, vernietete Winkel und Streben in den Etagen, gusseiserne Bordüren an Kanten und Dachsparren. Vier Stockwerke hohe Stützpfeiler trugen Brücken von Haus zu Haus und über die Straßen. Oben drauf Terrassen und Pavillons im Retro-Stil. Jetzt rostete und frostete der leere Platz bis zur nächsten Besiedlung mit vernunftbegabten Wesen.

Schöneweide.
Der Bahnsteig leer. Am Bahndamm der Parkstreifen leer. Wenn Braun früher mal hier vorbeikam, war das zuerst wie die "Fahrt nach Bamsdorf". Idyll. Kleinstadt. Saubere Luft. Gastlichkeit. Eintracht. Hinter den adretten und reinlichen Fassaden Richtung Oberschöneweide war die Zeit stehen geblieben. In der Kneipe "Zum Henker", einer Striptease-Bar, tanzten seit Generationen nackte Männer mit Glatze auf dem Tresen und wussten irgendwann nicht mehr warum. In den alten Werkhallen dahinter rockten Geblockte zu den immer selben Hardcore-Hits ihrer Ahnen. Morgens trafen sich alle zum Frühstück an den Badestränden rechts und links von der Treskowbrücke. So ging das seit siebzig Jahren: Morgens hatten die Geblockten Hunger. Wenn Karl-Heinz Braun damals genug gesehen hatte, warf er noch einen Blick in den Cruising-Streifen am Bahnhof. Der war für die Übriggebliebenen. Die brauchten nicht mehr viel Platz. In der Mitte des Jahrhunderts wurden hier Schlachten mit Blumenbomben geschlagen. Immer, wenn die Grünanlagen am Bahnhof modernisiert waren, hatten die Geblockten gewonnen. Man konnte dann von der Straße aus hinter jeden Busch spähen. Wer wollte das schon? Also warfen die männlichen ungeblockten Anwohner Blumenbomben und warteten ungeduldig, bis alles wieder zugewuchert war. Jetzt lag der Parkstreifen dicht wie ein Urwald da, war aber mausetot. Das sah Karl-Heinz Braun schon von der Bahn aus. Bestimmt kam er zu spät. Spätsommer 2104 in Berlin. Gewächs und Getier, Gemäuer und Gewässer reglos wie die ganze Stadt. Vor zwei Tagen, am 11. September, wäre Karl-Heinz Braun 66 oder 56 oder 49 Jahre alt geworden. Aber Karl-Heinz Braun kehrte erst am 13. September heim. Zehn Jahre lang war er hier nicht vorbeigekommen. Zehn Jahre nicht in Berlin. Überliefert und bezeugt, wo und wann in Schöneweide die Schafe grasten, auf welcher Wiese die Wäscherinnen bleichten, aber kein Anhaltspunkt, wo Karl-Heinz Braun in den letzten zehn Jahren abgestiegen war, unbekannt und rätselhaft. Das Wort Kreuzfahrt fand Braun in seiner Erinnerung. Das Wort Kreuzfahrt fügte sich mit den letzten zehn Jahren zusammen, fühlte sich gut an.

Ab Plänterwald
lustig angemalte Rangier- und Stellanlagen. Der uralte, ausgediente Bahnbetrieb zur Unterhaltung der Fahrgäste. Lampen, Oberleitungen, Hebel, Signallichter, wie aus der Spielkiste. Die Bahn schlängelte sich teilnahmslos durch ihr Freilandmuseum. Früher löste die Bahn unterwegs Kontakte aus, die dann die alten Stellanlagen zum Blinken, Klingeln, Rattern, Zusperren und Leuchten brachten. Niemand kümmerte sich drum, niemand wollte das noch anschauen. Vorbei die letzte Lieblingsbeschäftigung der abendländischen Zivilisation: Hin gehen und Zugucken. Keine Museumsnächte in Mitte, kein Public Viewing bei Verkehrsunfällen, kein nationalsozialistischer Flohmarkt am Gleisdreieck, keine Mittelalterspiele in der Spandauer Vorstadt, keine Großleinwände am Brandenburger Tor, kein Blütenfest in Werder, keine Landesgartenschau hinter Marzahn, kein Kürbishof bei Gransee. Bestimmt wären die Berliner hingegangen, wenn sie jemand mitgenommen hätte, aber keiner mehr da, der sagte: "Das muss man gesehen haben!"

Die Friedrichshainer Terrassenhäuser
schoben sich ins Blickfeld. Hängende Gärten an der Weberwiese. Kolossales Panorama. Grüne Mauern. Die Zukunft Berlins, falls es eine gab, die Wasserfälle von Iguazu. Karl-Heinz Braun hatte plötzlich ein Bild im Kopf. Aus achttausend geborstenen Badezimmerwasserleitungen jagen hier an der Weberwiese 2130 malerische Katarakte die begrünten Fassaden herunter. Naturparadies. Kanarienvögel, Wellensittiche, Meerschweinchen und Angorakaninchen bevölkern die Gänseblümchenwiesen, die Zierkohlterrassen, die Kaktusfeigennatursteingärten, die Sonnenblumenhügel, das Balkontomatengesträuch, die Sojafelder und die winterharten Palmenhaine.

Wolkenkratzer spiegelten sich in der Spree und in den gläsernen Wänden um den Alexanderplatz.
Käseglocke über den Fernsehturm? Der Alex in einer Vitrine? Seit wann gab es diese Kuppel? Seit zehn Jahren? Wie aus dem Stabilbaukasten. Kinderspielzeug über den Alex gestülpt. Die Bahn fuhr in die Glaskuppel ein und Karl-Heinz Braun wurde unruhig. ›Da sind sie ja!‹ Er fasste sich an die Seite als säße dort ein Halfter mit Pistolenfutter. ›Hier sind ja welche!‹ Zinnsoldaten mit ausgeleierten Uhrwerken in den Gelenken, sorglos schlaff, aber unaufhaltsam. ›Die sehen aus wie Menschen.‹ Karl-Heinz Braun atmete durch. ›Die sehen aus wie vor zehn Jahren‹, fand er, ›damit komme ich klar.‹ Kurzer Halt Bahnhof Börse. Eine Familie stieg ein. Vater, Mutter, Kind - sauber und ordentlich, korrektes Betragen und geduldiges Warten, ›bruchfest waren die wohl.‹ Die Tochter drehte einen farbigen Glasbucker zwischen den Fingern. Plötzlich zerfiel die Kugel, rieselte als Staub herab. Der Staub verschwand, bevor er den Boden erreichte. Die Eltern lächelten.

Bahnhof Friedrichstraße.
Volksfest? Unten auf der Straße? Oben die Bahnsteige voll mit aufgeregten Männern. Sie drängten aus den Treppen schächten hinauf. Demo? Fußballspiel? Nee, wa! Alles wieder gut? Die Männer abgekämpft, erregt. Niemand sprach. Nur Schnaufen, Seufzen, Schlurfen und Scharren. Blanke, lebhafte Augen in lichten Gesichtern. Sah doch gut aus. Charlie stieg aus. Hier auf der Friedrichstraße trugen die Männer Gegenstände: mindestens einen Regenschirm oder zwei Beutel Kartoffeln. Da kam jemand mit einer Axt, und einer war mit Baseballschläger da. Eine Heugabel steckte in einem Stück Styropor auf dem Straßenbelag. Karl-Heinz wollte geradeaus in die Invalidenstraße zur GoldrohrAgentur. An der Hauswand lang. Mehr und mehr kam er in die heiße Zone. Die da taten niemanden was, aber die verursachten Kollateralschäden. Die Männer schlugen mit Eisenstangen, Latten, Vorschlaghämmern, Spaten und Ketten auf drei, vier Meter hohe Aufbauten, alles eins zu eins. Sie zerschlugen die Autos am Straßenrand und die Kinderwagen auf dem Bürgersteig. Polizisten schoben aus Toreinfahrten neues Material auf die Fahrbahn. Mobile Monumente, falsche Litfaßsäulen, Mauern aus Bauschaum, Papppanzer, Strohpuppen und Filmmonster. Die Autos hatten echte Glasscheiben und Karosserien aus Alu-Blech. Die Reifen waren aus Keramik, die Kinderwagen aus Sperrholz. Einzig und allein auf die Attrappen schlugen die Männer. Sie nahmen weder einander wahr, noch wollten sie den Passanten etwas beibringen. Sie riefen nichts, feuerten sich nicht an, hatten keine Parolen oder Schlachtrufe. Still und kalt schlugen sich die Männer zum Bahnhof Friedrichstraße durch. Über ihnen wirbelte Schnee aus Styropor, hinter ihnen am Oranienburger Tor begann die Stadtreinigung mit den Aufräumarbeiten.

Oranienburger Tor.
Abstecher ins "Café Klappe". Gestern vor zehn Jahren ging hier die schärfste italienische Nacht des Sommers 2094 ab. Karl-Heinz musterte argwöhnisch die Caféterrasse. Dort hatte er zuletzt gestanden. Der ganze Platz war einbezogen. Heute leer, ein leeres Café, ein stiller Raum mit kleiner Bar, die Augen der Barfrau versteckt hinter einem Pony. Karl-Heinz trank erst Milchkaffee und ließ sich dann in den Kabinen hinter der Bar einen blasen. ›Immer noch ist wer da und lässt es sich gut gehen. Für mich ist immer noch wer da. Was will man mehr,‹ sagte er sich beim Verlassen des "Café Klappe". Direkt zur Agentur. Von der Demo keine Spur. Alle wieder zu Brei. Geht auch ohne Demo. Rechts runter. Reglos und rein lag die Chausseestraße. Fensterscheiben blinkten wie heiße Kochplatten. Die Nachmittagsluft floss aus den kühlen Toreinfahrten und wärmte sich auf der Fahrbahn. Hofseite, enges Treppenhaus, vierter Stock, Feuertür. Es ist ein langer Weg in die nächste Stadt.

"Kein Ziel ist eine unbequeme Reise wert",
belehrte Deutschlehrer Michael Müller in den Aufbaujahren des Hibaré Karl-Heinz Braun. Beim Montieren von Bierleitungen und von Interferenz-Lautsprecher oben auf den Traversen war gute Gelegenheit für die Belehrung.
Micha Müller war wie Brain Kinney oder Jim Rakete oder Michelangelo Buonarroti oder Jamie Oliver oder Sarastro. Die Sorte Mensch hat einen kurzen Draht zwischen Theorie und Praxis. Micha Müller veranstaltete zum Beispiel in seiner Lehrerzeit einen Schulfasching mit Kostümzwang. Kostümthemen waren "Tölpelkomplex" und "Hässlichkeitskomplex". Danach besprach er die Bilder und Filme von dieser Party in seinem Deutschunterricht. So öffnete er hier und da standardisierte Teenagerherzen. Die Vielfalt menschlichen Seins im wissenschaftlichen Selbstversuch. Im Hibaré später machte Micha Müller Schulfasching im Fernsehformat. "Schatzsucher" nannte er seine Doku-Soap rund um den Arnimplatz. Darin gab es Schatzsucher und Schatzfabrikanten und richtig Stress. Die Schatzsucher waren in der Überzahl und die Schatzfabrikanten wussten gar nicht, wo ihnen der Kopf stand. Sie mussten herauskriegen, wonach es den Schatzsucher gelüstete, sie mussten das dann besorgen, herstellen, verstecken, markieren und möglichst unauffindbar machen und dann noch Gerüchte streuen und Schatzkarten malen. Die Schatzsucher hingegen hatten nur eine Option: Ordnung und Sicherheit. Sie durften nicht das kommunale Leben stören und ja nicht private Parkplätze besetzen, nicht den Arnimplatz umgraben und keine Dachböden ausräubern. Sie sollten versteckte Schätze anhand von Schatzkarten finden, ohne Spuren zu hinterlassen. Im Sommer 2079 erklärte dann Micha Müller seiner Hibaré-Familie: "Wie sich jetzt herausstellt, sind Schatzsucher fast ausschließlich geblockt und Schatzfabrikanten ungeblockt." Die Familie nahm es gelassen. "Zufall. Was sonst? Wir wollen da nicht weiter dran dreh'n."
"Da gibt's auch nichts mehr dran zu dreh'n", antwortete Micha damals noch. "Minderheiten sind eben in der Minderheit und vermindern sich gegen null." Als Micha Müller 2091 die Familie verließ, war das nach langem theoretischem Abwägen seine rein praktische Entscheidung.

Montag wäre Micha Müller fast von einem Linksabbieger überfahren worden. Dienstag griff ihn ein schlecht erzogener Hund an. Mittwoch stand ein Wagen mit aufgeblendeten Scheinwerfern vor seiner Haustür. "Wir haben dich im Blick." Donnerstag folgten ihm vom Fernsehstudio aus zwei Herren bis zum Puff, in dem er Tantra-Stunden gab. Freitag stahl ihm ein Trickdieb den Speicherblock aus der Westentasche. Da war das gesamte Doku-Material für die übernächsten beiden Fernsehsendungen "Freizeit" drauf. Sonnabend drohte ihm jemand durch die Scheiben eines Bistros mit dem Zeigefinger. Aber Micha blieb fest, nichts wurde geändert. Sonntagabend gab's den speziellen Beitrag am Ende der Sendung "Freizeit" und blieb da ohne Ausnahme. Mal die Lust an Damenwäsche auf der eigenen Haut, mal die gesponserte Wohnung für die Extra-Freundin, mal die Vorliebe für Pippi-Pornos und so weiter. Micha hatte es dabei auf männliche VIPs abgesehen, die gern den Saubermann herauskehrten und gegen Sodom und Gomorra wetterten. Genau so viel Enthüllung, wie es die Kariere des jeweilig Betroffenen vertrug und dem Zuschauer half, sich selbst zu finden. Nichts Besonderes, das übliche, nur war Micha Müller damals der letzte Fernsehschaffende, der VIPs im Kampf zwischen Verlangen und Pflicht dokumentierte. Michael Müller änderte 2085 für ein paar Monate seinen gewohnten Heimweg und hielt sich wenig in der Öffentlichkeit auf. Dann war die Sendereihe "Freizeit" ausgelaufen. Micha war kein Held und kein Feigling, aber diese kleinen Drohungen aus dem Alltag heraus hatten ihn an seiner weichen Stelle getroffen, am Oberbauch. "Perlen vor die Säue." Er machte von da an nur noch etwas für Leute, die ihn mochten. Im Hibaré begann er mit der Filmreihe "Die subversive Wirkung des alternativen Glücks". Invalidenstraße. Hofseite, enges Treppenhaus, vierter Stock, Feuertür.


Mediendienst und Informationsgestaltung
Inh. Olaf Goldrohr.

Terrakottaboden, künstliches Farnkraut, Rauchglasplatte auf vergoldeten Füßen, türkisfarbene Sitzgarnitur. Hier war ja was los! Aufgeregte Bürotypen schleppten und packten, verstauten Computer hinter blinde Türen und zwischen doppelte Böden. Kleinkram steckten sie in beleuchtete Koffer. Bestimmt nahmen sie auch alle brisanten Informationen und verräterischen Familienfotos auf winzigen Datenträgern mit. Die Koffer schnallten sie sich auf die Rücken.
"Chaarliie!", schrie es aus der Teeküche links. "Ein Wunder! Charlie, bist du es leibhaftig, mein kleiner Charlie!" Eine Frau mühte sich, Karl-Heinz die Augen zuzuhalten, bevor der sich zu ihr gedreht hatte. "Oh Charlie, dass ich das noch erleben darf! Schrecklich! Gerade jetzt kehrst du heim. Wir sind auf der Flucht. Ich muss gleich heulen." Sie zog Karl-Heinz ans Hoffenster, zeigte rüber zur Seitenstraße und ließ keinen Blick von ihm: "Charlie, wir haben dich so vermisst. Bist du es wirklich? Du hast dich gar nicht verändert?"
"Gestern erst waren wir zusammen." Karl-Heinz lächelte vorsichtig.
"Da, siehst Du!"
Zwischen Seitenflügel und Quergebäude standen zwei dunkle Lieferwagen und ein paar Leute in dunkelblauen Uniformen. "Du kennst das ja. Ein Pfiff auf dem Schlüssel, und ab durch die Hintertür auf den Garnisonsfriedhof. Alles wiederholt sich."
"Das sind doch geblockte Heten. Dunkelblaue Uniformen?"
"Ja, Heten, Zombies, Geblockte, wie du willst."
"Müssen wir jetzt hier raus?"
"Setz dich, setzt dich!" die Frau nahm Karl-Heinz Hände, "Zombies sind nicht so schnell." Sie zog Karl-Heinz zum Tisch in der Teeküche.
"Lieschen, und die anderen? Wo … Ich kenne …"
"Alles gut, alles gut." Sie verstummte und sah Karl-Heinz lange an.
Karl-Heinz leise: "Ich kenne hier niemanden."
"Unsere Familie ist schon auf dem Weg."
"Und Olaf? Ist Olaf …?"
"Ja, ja." Sie sah stumm zur Tür.
"Aber Micha …" "Lebt er? Marie-Luise, lebt Micha?"
"Ja."
"Mehr war nicht zu erhoffen."
"Michael Müller begehrt jetzt nur noch das flache Land." Marie-Luise trat Wasser in die Augen. "Das flache Land bei Neuruppin." Sie stand auf und ging zum Küchentresen. "Ich mache uns Tee. In einer Viertelstunde gehen wir zusammen mit den jungen Leuten flüchten. Wir sind sozusagen die Nachhut."
"Ich habe einen langen Weg hinter mir."
"Zehn Jahre lang." Marie-Luise drehte sich weg. Charlie Braun hatte die beste Familie der Welt. "Warum warst du zehn Jahre nicht bei uns?"
"Ich weiß nicht."
"Bei uns hast du es doch am besten."
"Ja und so lehrreich und kurzweilig."

Obdach, Nahrung, Zusammenhalt. Im Sommerwind vor dreißig Jahre flogen ein paar Elfen und Kobolde, wie Pappelsamen aufeinander und hafteten als Familie zusammen. Eine Insel, eine Insel, dort wollen wir wuchern und überhand nehmen. Karl-Heinz Braun fand ein Zuhause auf einer perfekten Insel an der Prenzlauer Allee. Marie-Luise Rappler wollte dort ein Hibaré und die Hibaré-Familie. Manfred liebte sogleich die anmutige Küstenlinie und das milde Klima. Hexe ertrug nicht länger ihre Sehnsucht nach der neueröffneten Insel und reiste schon bald an. Olaf Goldrohr erfand an der östlichen Lagune seine besten Lügen. Gretapeter eröffnete im rauen Norden einen Kaufmannsladen. Michael Müller funkte im Südwesten vom Leuchtturm "Schenl feiff" übers totdressierte Meer. Professor Karola Müller-Weißbach allerdings hatte damals eine lange, gefährliche Überfahrt zu diesem wilden Eiland. Hermann, Arthur, Hussein und Karl-Heinz Mutter kamen mal zu Besuch und blieben sonst auf dem Festland oder irgendwo im Universum. Die Hibaré-Familie machte Party, betrieb Bildung und Gesundheit, Sex und Show, ein Stundenhotel und einen Autohandel, gemeinsame Pläne und gemeinsamen Erfolg. Die Hibaré-Familie verursachte ein Paradoxon. Das lautete etwa so: Das Hibaré erblüht, während die Menschheit verdunstet. Als die Enkel der Hibaré-Familie später der Welt Zeugnis von ihrem Daheim geben wollten, trafen sie anstelle der Menschen nur noch trockene Hüllen an.

"Wo, Luise, sind die Bewohner?"
"Vom Alpha Centauri?"
"Von Berlin."
"Die da in den dunklen Uniformen?"
"Berlin ist leer, außer hier in der City."
"Gar nichts ist leer. Die sind alle zu Hause."
"In ihren Wohnungen?"
"Meistens, fast immer."
"Die sind nie auf der Straße?"
"Nur morgens zwischen acht und neun. Da gehen sie zur Arbeit. Sie erledigen ihre Pflicht, zwei, vier Stunden, und dann wieder nach Hause."
"Tag ein Tag aus?"
"Tag aus Tag ein." Marie-Luise fand in sich ein paar Sprüche: "Olaf meint, der HomoBlocker vollendet die Industrialisierung menschlichen Lebens. Hexe ergänzt dann immer: ›Sekundärtugenden sind eben das Teflon des Lebens‹ und Gretapeter nimmt sein Kochbuch: ›Pflichttreue ist haltbarer als Eingewecktes,‹ und Manfred schließt ab: ›Eine strenge Hundeschule bringt mehr als Abitur.‹ "
"Hm", Charlie grinste, "Du bist immer noch ein intelligentes Sprachrohr." Er trat wieder ans Fenster. "Dann muss ich mir also keine Sorgen machen? Alles gut in Schuss hier in Berlin? Leer aber aufgeräumt?"

Die Menschheit hatte sich im einundzwanzigsten Jahrhundert endlich einen alten Traum erfüllt:
den perfekten Mann und die perfekte Frau
.

Von Mai bis August 2022 wurde eine freiwillige Gruppe von einundzwanzig werdenden Müttern aus einem Forschungsteam der Berliner Charité und aus dem Umfeld des Forschungsteams mit einem Neurotransmitterpräparat behandelt, das identisch war mit dem später weltweit in der Schwangerschaft eingesetzten Transvir und Retrokonträr. Dieser Vorgang ist dokumentiert und allgemein anerkannt. Es gibt auch keinen Zweifel daran, dass die werdenden Mütter nicht nur Probanden sondern auch sachkundige Fachleute waren. Jeder und jede, der am Experiment beteiligten, wirkte freiwillig mit und hatte dessen Sinn und Ziel mitgestaltet. Über Patient Zero allerdings, dem schon 2020 geborenen Mädchen, gibt es nur Gedächtnisprotokolle, Überlieferungen und Legenden. Weder sind die Eltern des Mädchens, noch der Name des Mädchens bekannt. Die Legende aber überlieferte: "Das Kind war so schön, freundlich und mädchenhaft, dass die Sonne selbst, die doch so vieles schon gesehen hatte, sich wunderte, so oft sie ihm ins Gesicht schien."
Das Mädchen war gerade zwei Jahre alt, als einundzwanzig Mitarbeiterinnen aus dem Forschungsteam, noch vor dem Abschluss der Primatentestreihen, den Selbstversuch vornahmen. Neben dieser biochemischen Intervention forschte die Gruppe auch an Zusammenhängen zwischen Hirnströmen und Interaktionen. Ein Partnerschaftstest war dabei besonders aufschlussreich. Anfangs wurden Probanden Bilder abwechselnd von ihrer Lebenspartner und von guten Bekannten gezeigt. Die gemessenen Erregungskurven bei diesen beiden Beziehungsgruppen unterschieden sich nicht nur in ihrer Intensität, sie unterschieden sich auch Form und Struktur. Das war zu erwarten. Überraschend allerdings war einer der nachfolgenden Versuchsaufbauten. Etwa einhundert männlichen bisexuellen Probanden wurden abwechseln Bilder von ihren weiblichen Geliebten und von ihren männlichen Geliebten vorgelegt. Auch hier unterschieden sich die dabei gemessenen Hirnströme signifikant. Die Erregungskurve bei den weiblichen Geliebten erschienen harmonisch, wohlgeformt und erhebend. Bei den männlichen Geliebten wirkten sie eher angespannt und destruktiv und irgendwie schmutzig.

Inwieweit die Ergebnisse dieser Partnerforschungen die Suche nach Stabilisierung von Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung angeregt hatten, ist nicht bekannt. Finanziell unterstützt wurden die Forschungen durch Gruppierungen, die das Privateigentum und die Familie schützen wollten.
Der entscheidende Erfolg jedenfalls wurde durch Einbeziehung von Forschungsergebnissen aus der Tierzucht erreicht.
Zur Effektivierung der Fleischproduktion hatte die Wissenschaft bei männlichen Zuchtrindern den Reizablauf für die Abgabe von Samen vereinfacht. Ein kleiner, feiner biochemischer Eingriff, ein kurzes Steuersignal stellte die Weichen. Das Steuersignal kappte lebenslang den akrobatischen Teil beim Bullensex. Der Bulle bestieg nun nicht mehr diese Kuhattrappen. Der menschliche Absamer konnte durch Vakuumpumpen ersetzt werden. Der verbesserte Bulle ging selbständig - nach kurzem Training - in eine Station, ähnlich einem Melkkarussell, und ließ in einem Melkstutzen sein Ejakulat zurück. Mit demselben biochemischen Eingriff, konnte man Buntbarsche für die Gourmetküche in konfektionierte Meereswasser-Zuchtstrecken produzieren. Im Prinzip funktionierte das mit allen Tierarten. Osterlämmerproduktion, Wachtelzucht, Renntiersteaks für den Biomarkt. Von der Beschälung bis zur Aufzucht einfache, reproduzierbare, verlässliche Abläufe und alles komplett ohne Genmanipulation, nur ein kleiner schmerzloser Eingriff in die endokrine Entwicklung des Fötus bzw. des Neugeborenen. Ratten mit dem Sexus eines Lurchs stellte man zuerst her - noch im Laborstadium. Diese Ratten brauchten immer einen feuchten Stein für die Begattung.

Der Wirkmechanismus war nicht mehr als Schnippschnapp. Die Entwicklung des Sexual- und Fortpflanzungssteuerung im heranwachsenden Fötus wurde unterbrochen, bevor sich Fehler, Wildwuchs und Absonderliches einnisten konnten. Ein Volltreffer in der industriegerechten Tierproduktion. Und den Tieren ging es gut, sie vermissten nichts. Selbst die Lust und die Lustbefriedigung, dort, wo die Natur das im Fortpflanzungsverhalten bedurfte, blieb nach der Rationalisierung komplett erhalten. Sexforschung. Sexuologie gab es 2016 in Deutschland kaum noch. Gender Studies waren anstelle der Sexuologie getreten. Asexuelle Gender Studies. Aufklärung betrieb das Internet, die Schule erklärte die Geschlechtsorgane, die Medien sendeten den Bergdocktor und niemand konnte mit Gewissheit sagen, ob es in Deutschland auch tatsächlich polymorph perverse Taxifahrer gab. Gute Zeiten für die medizinische Forschung. Alle wollten Erklärungen menschlicher Verhaltensmuster aus der Natur heraus. "Ganz natürlich" klang so gesund und bekömmlich. Die Natur hat Recht. Naturrecht eben. Prophylaxe und Reparatur sind Anweisungen der Natur an den Menschen, sind wie ein Gebetsbuch, geben Rückhalt, Hoffnung und Frieden. Prophylaxe und Reparatur wurden zu Schwestern von Angriff und Verteidigung. Schöpfung und Urkraft wiederbefreit durch ärztliche Kunst. Junge Mediziner, Mikrobiologen, Genetiker, Piusbrüder, Kreationisten und Endokrinologen fühlten neu ihre Bestimmung. Naturrechtliche Logik lenkte ihr Geschick: Die Entwicklung des Lebens auf dieser Erde hat bewiesen, dass das Männliche und das Weibliche den Erfolg einer Gattung bestimmt.
Erfolgreiche Spezies haben zwei Geschlechter und halten diese sauber. Dichotome Geschlechtsidentität und heterosexuelles Sexualverhalten sind Teil der Menschenwürde. Diese musterhafte Zweiheit zu stabilisieren und zu schützen, ist eine vornehme Pflicht der Wissenschaft. Andere Interpretationen ihres Tuns waren den jungen Leuten nicht zugänglich und niemand begleitete sie mit kritischer Lebenserfahrung. Die Forscher erkannten nicht, dass der von ihnen kreierte Botenstoff nichts reparierte und schützte, sondern alles verstümmelte.
Bevor der menschliche Sexus die Brauchbarkeit und Güte der höheren Arten, der Primaten und des Menschen erreicht hatte, war er auf niederer Stufe angehalten.

Die in dem Forschungsteam geborenen Kinder entsprachen in angenehmer Weise den klassischen Vorstellungen von wohlgeratenen Jungen und Mädchen. Wunschkinder. Leibliche Eltern. Glückliche Familien. Sie wuchsen körperlich gesund, optisch gefällig und geistig vielversprechend heran. Nichts Spektakuläres, wohltemperierte Zeitgenossen waren da zu aller Freude auf dem Weg. Und der Weg erwies sich weder als mühselig noch als kostspielig.
In den Feuilletons ging es in der Zeit immer nur um "Was wäre wenn?". Ein paar Maschinenstürmer kämpften um die Rechte des Ungeborenen. Es dauerte noch sechzehn Jahre bis die mitteleuropäische Medizin, Müttern und Vätern zuverlässigen Nachwuchs liefern durfte. Erst 2032 wurde Transvir und Retrokonträr unter strengen Auflagen in Deutschland zugelassen. Aber das Bildungsbürgertum wusste sich zu helfen. Vor der Zulassung erledigten selbstbewusste Schwangere den kleinen Eingriff während einer Kreuzfahrt durchs Mittelmeer. Die waren wie süchtig nach perfekten Kindern. Diese pränatale Korrektur fügte sich harmonisch ein in die gängigen Interventionen bei körperlichen Gebrechen und Mängel, wie zum Beispiel Augen lasern, Hodenvergrößerung, Schamlippenverkleinerung, Spätabtreibung oder künstliche Befruchtung.

Als sich das Hibaré 2075 gründete, war das Zaubermittel ein fester Bestandteil der Volksgesundheit. Die Zahl der Schwangeren mit dieser Medikation wuchs all die Jahre stetig. Und die allgemeine Zufriedenheit wuchs im gleichen Maße.
Unterdessen verankerten sich im Volksmund die anfangs von der Protestbewegung geprägten Begriffe "Homo Blocker" und daraus abgeleitet "Geblockte" und "Ungeblockte". Ausschließlich diskriminierend wurden diese Worte allerdings erst in den 80-ern verwendet, nachdem der HomoBlocker für Erwachsene erfunden war.

Mit der Zeit schämte sich die immer kleiner werdende Zahl der Ungeblockten abwechselnd für die eigene Unzulänglichkeit und dann wieder für die Makellosigkeit der Geblockten. Sie begannen, ihr Anderssein aus einer Art Einkesselung heraus zu verteidigen. In Berlin machten sie das Beste draus. Die Ungeblockten gründeten Inseln zum Wohlfühlen. Die Insel mit dem Namen Hibaré erreichte man durch hell erleuchtete Glastüren und spürte sofort das mediterrane Klima.

Mitte der 80-er unterhielt die Hibaré-Familie den liederlichsten Laden des ungeblockten Berlins: das Hibaré. Das Hibaré funkelte wie Moulin Rouge, Hippodrom, Scala, Tivoli und Bahia Tropical zusammen die Straße runter bis zum S-Bahnhof. Das Hibaré zog sich in seinen besten Jahren von einer Nebenstraße im Prenzlauer Berg bis zu einer nächsten.
Als an dieser Stelle zehn Jahre zuvor im ersten Stock, Quergebäude, erster Hinterhof, Prenzlauer Allee am S-Bahnring, die winzige,
175 Quadratmeter messende Insel den Namen Hibaré bekam, hatten sich MarieLuise Rappler und Karl-Heinz Braun gerade durch die Gebrauchsanweisung ihres Lebens gescrollt und "accept" angeklickt. Darauf öffnete sich das eigene Window mit dem unverwechselbaren Gesicht und der freien Rede.
"Unsere Kunden sind ja ganz anders, als ich dachte. Die sind ja alle wie wir. Ich dachte, wir sind die Affen." So fasste Braun das erste halbe Jahr Hibaré zusammen. "Da legen wir noch ne Kohle drauf."
Nachdem Marie-Luise Rappler die Fünfunddreißig überschritten hatte, fand Charlie sie geil.



"Nimm die zwei Kartons, Charlie, und komm hinter mir her!"
"Und die Agentur?"
"In drei Wochen wieder. Seitdem es beleuchtete Koffer und beleuchtete Handtaschen gibt, ist man überall zuhause. Man hat sein kleines Wohnzimmer immer dabei." Marie-Luise machte etwas Bauchtanz und Handballett. "Jetzt geht es in den Kyffhäuser. Welttuntenball."

"Wo bist du angekommen? Aufgetaucht? Auferstanden? Oder wie?", fragte Marie-Luise.
"Am Rand der Sahara." Karl-Heinz verzog den Mund. "Genauso trostlos wie hier. Französisch rückwärts und arabisch passiv. Verweht vom heißen Wüstenwind."
"Was meinst du denn jetzt?"
"Ach, Touristenmythen. Aus dem vergangenen Jahrtausend. Ein alter Mann und seine Enkeltochter haben mich nach Algier gebracht. Ansonsten auch da nur Lethargie und Maschinenmenschen."
Die Leute aus der GoldrohrAgentur machten sich auf den Weg. Sie stiegen hinauf unter das Dach des Mietshauses. Sie liefen mit Gepäck einer hinter dem anderen direkt unter dem Giebel zum nächsten Haus und weiter zum Quergebäude. Lastenaufzug. Fünfzehn Leute fuhren nun abwärts.
"Gestern vor zehn Jahren waren die alle noch Kinder. Lenken Kinder jetzt die Agentur?" Charlie flüsterte Luise ins Ohr.
"Es hätte doch sein können, dass wir uns nie mehr wieder sehen", flüsterte Luise zurück.
Karl-Heinz nickte: "Schicksal! Oder?" Er zwinkerte Marie-Luise zu. Schon hatte er sich an ihre Veränderung gewöhnt: "Du siehst gut aus. So in deinem Alter. Der ewige Dutt, das Viertelpfund zuviel auf den Hüften."
Marie-Luise schob ihn aus dem Aufzug: "Dort, durch die Wand. - Ja, durch die Wand!" Der Fahrstuhl hatte in einem Raum unter dem Hauskeller gehalten. "Die Mauer ist nicht echt."
"Nicht ganz echt? Wau!"
"Hussein baut überall holografische Sicherungen ein. Wände, Abgründe, Wasserläufe, Nebelbänke."
"Ist das nötig?"
Gleich links stieg die Gruppe durch die holografische Wand und gelangte nach etwa fünfzig Metern in den U-Bahnschacht der Linie 6 kurz vor der Station Naturkundemuseum Richtung Tegel.
"Hör zu, das muss jetzt schnell gehen - auch mit meinen Beinen - siehst du, wie die vor uns - inzwischen könntest du tatsächlich mein Sohn sein, Charlie."
"Ja, was ist mit deinem Sohn?"
Immer drei der Gruppe stiegen schnell in die rückwärtige Kanzel der eingefahrenen U-Bahn. Schon fuhr der Zug an. Die drei versteckten sich unterhalb der Sichtscheiben. Die anderen warteten auf den nächsten Zug. "Ich bin so etwa achtundvierzig, nicht wahr?"
"Ich bin ganz sicher fünfundsechzig!"
"Ach, Lieschen, die Zeit trennt die besten Freunde."

Jeder hielt Marie-Luise Rappler für die Hibaré-Mutter. Sie hatte so Sätze drauf wie "Hackepeter-Frühstück ist ein Männerfrühstück" und "Möchtest du jetzt deinen Tee, lieber Olaf?" Aber sie ging mit den Rollen und Ämtern in ihrer Familie sehr flexibel um. Sie selbst konnte Autos reparieren, konnte den Bolero tanzen und Fleischpasteten backen. Sie, Marie-Luise Rappler, hatte die Hibaré-Familie gegründet, als sie der Meinung war, in einem Familienbetrieb sollte die Vollweibsrolle in der ersten, zweiten und dritten Besetzung nach Lust und Laune von jedem gespielt werden, dem das gerade wichtig war. Aber besonders zuständig für die familiäre Rollenverteilung fühlte sie sich schon. Schließlich hatte sie bis dahin schon die Rolle der Ehefrau, der Geliebten, des Liebhabers, der Beziehungskiste, des besten Freundes, der Busenfreundin, des Haushaltsvorstandes, der devoten Assistentin und des dominanten Chefs hinter sich. Kurz vor Schluss, als vom Hibaré nur noch die GoldrohrAgentur übrig war, sah Marie-Luise Rappler zu, dass niemand aus der Familie zu Schaden kam. Allen in ihrem Verantwortungsbereich sollte es gut gehe. Nicht weiter nachgrübeln, sondern abarbeiten.

Jetzt waren Marie-Luise und Karl-Heinz zusammen mit einem der jungen Männer dran. Die drei liefen geduckt aus der Dunkelheit des Schachts neben der Magnetschiene durch sechs Meter Bahnsteiglicht. Der junge Mann öffnete mit einem Handgriff die Kanzeltür, sprang hinein und zog Luise hoch. Charlie drückte von hinten nach und kletterte dann selbst hinein. Mit Gepäck in elf Sekunden, stark. "Für mich ist es jetzt das vierte Mal", schnaufte Marie-Luise, "fünfmal musste die Agentur schon flüchten, zweimal ist sie schon umgezogen."
"Ist das nun spannend oder gefährlich?"
"Charlie, sei nicht so frech." Marie-Luise saß neben Karl-Heinz auf dem Boden der Kanzel. Der junge Mann lugte seitlich durch die Frontscheibe: "Die vom SEK sind auf dem Bahnsteig."
"Und Olaf? Wo ist Olaf?"
"Er ist nicht mehr hier", Luise lachte, "nein, nein - wir werden in Tegel ein Taxi mieten, eins dieser neuen Flugtaxis - Olaf ist schon auf der Rothenburg." Der Hubschrauber machte eigentlich Hoffnung. Der flog so sanft und still, wie sonst ein Luftschiff fuhr. Er hatte kurze, abgehackte Rotorblätter. Vor dem Start verlor sich deren Rotationslärm im Ultraschallbereich oder in der vierten Dimension. Innen war nur Platz für den jungen Mann, der das Fluggerät steuerte, und zwei, vielleicht drei Personen, also für den dünnen Charlie und die dicke Luise. "Die haben so was erfunden? In den letzten Jahren?" Luise nickte: "Das ist eine Anomalie. Diese Taxis waren plötzlich da. - Wir werden an der Unstrut landen. Der Harz ist Naturpark. Aber auch egal. Wir sind schließlich auf der Flucht."
"Da, das Oranienburger Tor. Vorgestern noch waren du und ich da unten."
"Das war vor zehn Jahren."
"Und da wurde ich mal verhauen. Direkt aus einem Auto heraus. ›Damit du Arschgeige dir überlegst, was du herumtratschst!‹, haben die gerufen. Vier junge Männer sprangen aus dem Wagen und boxten auf mich ein. Wegen einer Fernsehdokumentation über das Berliner Nachtleben. Eigentlich war es ja Michas Sendung, aber ich hatte darin erzählt, dass man in der Auguststraße kleine rumänische Mädchen kaufen konnte. Was ging mich das auch an?"
"Na, und?" Marie-Luise setzte sich bequem.
"Das Oranienburger Tor ist einer meiner fünf magischen Orte. Heute hatte ich da Sex."
"Zum Glück ist jetzt alles so friedlich hier", seufzte Luise. "Frieden ist relativ." Luise saß da wie auf einer Kaffeefahrt, Fensterplatz, Landschaft kucken, Gedanken flogen dem Fahrtwind nach. "Marodierende Jungs freitags abends mit der Bierflasche in der Hand sind fort aus der Oranienburger Straße."
"Ungefickte Jungs sind nicht so friedlich."
"Die Huren am Hackeschen Markt machen jetzt keinen Stress mehr."
"Woher weißt du das?"
Luises Blick war schon am Stadtrand.
"Früher gab' s den Krieg der Geschlechter. Gibt's jetzt nicht mehr."
"Die Schlacht um die vorzeitige Ejakulation?" Charlie beobachtete Luise.
"Gibt's nicht mehr."
"Erst hungern lassen und dann über schlechte Tischmanieren herziehen?"
"Gibt's nicht mehr."
"Sextherapeutinnen grinsten in die Kamera und redeten Ehemännern ein Potenzproblem ein?"
"Damals war' s. Das war noch echter weiblicher Chauvinismus."
"Gibt's im Fernsehn jetzt noch die Worte Abscheu und Empörung?"
Marie-Luise sah in die Ferne, Richtung Ludwigsfelde. "Du kommst eben von hinterm Mond."
Ein Hubschrauber näherte sich. "Die da drin sind gut drauf." Der junge Mann am Steuer beobachtete seine Monitore und sagte nach hinten: "Keine ausladenden Gesten bitte."
Luise und Charlie sahen geradeaus und schwiegen. Das fremde Taxi flog tatsächlich auf zehn Meter heran und bog dann Richtung Berlin ab.
"Was bedeutet das?", fragte Charlie.
Luise: "Sie organisieren sich Abenteuer."
Charlie: "Das ist wirklich neu." Charlie dachte nach: "Nee, eigentlich nicht."
Luise: "Die aus der dritten und vierten Generation bilden Sondereinsatzkommandos. Die Kinder von Popstars oder Tennischampions. Weißt du, Talkmaster, Stürmer, Fotokünstler, Modells, Spitzenkandidaten und so was alles. Deren Kinder leben in Rudeln, obwohl sie auch Zombies sind. Die funktionieren nach Regiebüchern. Das haben die von den Eltern. Du musst dich mit Karola darüber unterhalten. Bedingte Reflexe und andere merkwürdige Muster treten da auf. Du hast das ja selbst gesehn. Ich weiß nicht, aus welchem Film die das haben. Die kommen mit den schwarzen Limousinen, die aussehen wie Leichenwagen, steigen breitbeinig aus, das muss man erst mal können, tragen diese Uniformen mit all dem Schnickschnack …"
"Karola ist auch da?"
"Ja, theoretisch." Luise kicherte.
"Wie hast du uns überhaupt gefunden?"
"Der Briefkasten. Alles gut gepflegt - Passwort, 3-Gig-verschlüsselt."
"Mir ist schon so, als wärst du nie weg gewesen." Luise drückte Charlies Hände. "Guck, da liegt Sangerhausen. Wir landen gleich."
"Bitte das Schwatzen einstellen, in Zweierreihen aufstellen und Finger auf den Mund!" Der junge Mann sah nach hinten und zwinkerte den beiden Alten zu.

Der Hubschrauber landete senkrecht auf einer Wiese dicht neben den dort parkenden Fluggeräten dieser Art. Milchgrau. Die Wiese dampfte Wolken aus. Fichtennadel. Der junge Mann verschloss das Taxi. Luise und Charlie hakten sich unter. Zusammen gingen sie zum Flugfeldrand. Dort steckte der junge Mann eine Mietcard in eine Automatensäule und kontrollierte die abgebuchte Summe. "Hier darf man nur einmal im Vierteljahr landen."
Sie nahmen einen Weg durch den Wald. Charlie wandte sich dem jungen Mann zu: "Wie lange sind Sie schon in der Agentur?"
"Zwei Jahre. Durch meine Eltern."
"Und wie gefällt es Ihnen dort?"
"Gut. Ich hatte eine sehr strenge Kindheit."
"Was ist mit deinem Sohn, Luise?"
"Oh, Charlie", flüsterte Luise, "der junge Mann ist doch der Liebhaber von meinem Sohn. Aber mein Sohn lebt zurzeit mit seiner Verlobten und den beiden Töchtern seines Liebhabers auf Madagaskar, weil es dort nicht so gruselig ist wie bei uns."
Die drei waren auf einer Lichtung angelangt. Da standen Panoramakutschen. Zwei- und Vierspänner. Auf den Kutschböcken warteten die Kutscher auf ihre Kundschaft. Sie saßen und warteten.
Luise: "Was können wir noch tun, Charlie? Es gibt nichts mehr zu tun."
Der junge Mann war an einen lachsfarbenen Vierspänner herangetreten, hatte kurze Worte mit dem Kutscher gewechselt und dann Luise und Charlie heran gewinkt.
"Das ist einer von uns", flüsterte Luise. Sie stiegen ein.
"Gemütlich hier drin."
Die leere Chaussee fädelte sich durch dunkle Orte am Kyffhäuser entlang und schlängelte sich in Serpentinen hinauf in die Wolkenschwaden. Die Kutsche bog in den Hochwald ein. Der Asphalt glänzte schwarz und knirschte unter den Rädern. Der Abend zog auf.
"Ich muss Sie bitten, Herr Braun, den Kopf nicht aus dem Fenster zu stecken", sagte der junge Mann zu Charlie, "Zombies tun das nicht." Der junge Mann saß gegen die Fahrtrichtung und beobachtete die Straße durchs Rückfenster: "Ich glaube, uns folgt jemand."
"Ihr sagt jetzt immer Zombies."
"So oder so. Ist doch gleich." Der junge Mann winkte ab.
Charlie kicherte. "Das ist ja rassistisch." Er tat entrüstet. "Über Zombies weiß man seit hundertfünfzig Jahren, dass es seelenlose Menschenfresser in drittklassigen Filmen sind. So benennt man nicht seine Mitmenschen." Charlie hielt inne. "Es sei denn, Nichtzombies, wie Lieschen und ich, bekennen sich zu dem Zombie in uns. - Nein, so kann man nicht erzählen! Das kann man höchsten auf einen Button drucken: der Zombie in mir."
Luise erklärte: "Historisch gesehen, meint Olaf, entstehen Zombies durch stringente Heterosexualität, durch Zwangsheterosexualität etwa oder Gleichschaltung und so. Nur cineastisch gesehen hatte das leider nie jemand erkannt."
Charlie abschließend: "Ist auch nicht mehr nötig. Jetzt gibt's die ja in lebendig. Und gibt's hier die Satellitenüberwachung?"
"Bestimmt. Da der Turm. Der ist nicht mehr in Betrieb. Aber-ich-weiß-ja-nicht!"
Turmsilhouette mit typischer Aussichtskartoffel auf halber Höhe. Oben war eine Fensterzeile schwach erleuchtet.
Marie-Luise schroff: "Die haben doch keinerlei Jagdinstinkt mehr."
"Natürlich haben die einen Jagdinstinkt!"
Der junge Mann zeigte durch das Rückfenster: "Da folgt uns doch jemand."
"Und die aus der dritten Generation? Die Kinder von Popstars oder Tennischampions? Die Nachkommen von Talkmaster, Stürmer, Fotokünstler, Modells, Spitzenkandidaten und so weiter?"
"Die spielen gern Ego-Shooter in real-time."
Von der Turmspitze ging ein kleiner Lichtblitz aus, oder auch nicht? Hinten, wo die Straße in den Wald zurücksank, quoll eine dunkle Masse herauf. Im Kyffhäuser kam die Nacht dick aus dem Wald. "Das ist jedes Mal so", flüstere Marie-Luise, "wenn wir auf der Flucht sind. Jedes Mal passieren ganz unheimliche Dinge. Beim letzten Mal zum Beispiel fror vor Norwegen unser Postschiff in zwölf Sekunden komplett ein. Der Eispanzer hatte einen Radius von fünfzig Metern, aber gleich dahinter war das Nordmeer ganz und gar eisfrei."
"Was macht ihr vor Norwegen?"
"Na ja, bis Rostock hätte auch gereicht. Wir wollten aber mal sehen, wie weit uns diese Sondereinsatzkommandos verfolgen."
"Bitte festhalten!" Der Kutscher meldete sich über eine Sprechanlage.
Charlie sah zu dem jungen Mann. Der zuckte die Schulter. Marie-Luise entfuhr ein kleiner Schrei, als die Pferde plötzlich die Kutsche mit sich fortrissen. Charlie beobachtete die Chaussee. Die aber verlor sich im düsteren Gebirge. Allein im Kyffhäuser. Alles Lebendige hatte sich in schützende Gehäuse zurückgezogen. Dann aber tauchte zwischen den Bäumen hangabwärts auf der unteren Serpentine eine Lichterkette auf. Der Dunst begann zu leuchten, breitete sich aus, färbte sich von graublau nach giftgrün. Die Baumstämme oberhalb bekamen eine Rinde aus geknautschtem Alu-Papier.
"Fahrzeuge? Das sind keine Scheinwerfer", meinte der junge Mann.
Wie eine riesige Nacktschnecke lag das Licht jetzt auf der unteren Serpentine und kroch aufwärts. Vorn sammelte sich das Licht in drei leuchtenden Scheiben. Es sah aus als zöge ein dreiäugiges Ungeheuer bäuchlings aus der Tiefe bergauf.
"So was mit Lichterscheinungen hatte wir kurz vor Krakau." Luise hielt sich an den Polstern fest und starrte in das Licht hangabwärts. "Da flüchteten wir gerade vor einer europäischen Rasterfandung. Wir hätten auch die Computer lahmlegen können. Das war ja nicht ernst zu nehmen. Flüchten ging aber einfacher." Luise flüstern ihre Beschwörungsformeln. "Krakau lag also vor uns in der Abenddämmerung. Plötzlich war es rechts von der Autobahn taghell und links von der Autobahn stockdunkel. Nach einer Weile ..."
Die Kutsche rutschte von einer Sekunde zur anderen zwei Meter seitwärts und wieder zurück. Der Kutscher schien die Gewalt über seine Pferde zu verlieren. Ungebremst in eine Linkskurve. Die Karosserie knirschte und krächzte. Zu beiden Seiten der Straße öffneten sich schwarze Abgründe. Vorn tauchten Mauern aus Wolken auf. Links vorbei. Plötzlich die Chaussee wie abgeschnitten, einfach nicht mehr da. Unten das Tal der Goldenen Aue in herbstlicher Abendstimmung. Das Gespann raste weiter wie von fliegenden Pferden gezogen über die Lichtpunkte der Dörfer im Tal. Nachdem die Kutsche das Nichts durchquert hatte, rollte sie auf einem weißen Kiesweg aus. Laternen erleuchteten einen kleinen, feinen Park. Die Kutsche hielt vor einem zweistöckigen Haus. Licht in allen Fenstern bis ins Dachgeschoss.
Im Hauseingang stand ein Mann. Der sah aus wie der liebe Gott.
"Bist du der liebe Gott?" Charlie lief die Stufen hoch und umarmte den Mann im Hauseingang. Der hatte langes, in der Mitte gescheiteltes, weißes Haar. Das floss über die Schultern in einen hellgrauen Mantel. "Charlie Braun, du bist ein Clown. Was sind das für teuflische Sachen!"
"Über Nacht weißes Haar. Du hast viel gelogen in den letzten Jahren?"
Der Weißhaarige nickte. "Seit heute Morgen bist du zurück?" Die beiden Männer küssten sich.
Dann kamen die anderen. Karola Müller-Weißbach und Hexe waren dabei, Gretapeter, Manfred und die jungen Leute aus der Agentur.
"Heißer Sand und ein verlorenes Land, Wahnsinn." Der alte Gretapeter war ganz der alte. "Dass du wieder mal vorbei siehst, in dieser gottverlassenen Gegend."
Sie saßen zusammen im Roten Salon der Herberge Zur Rothenburg.
"Ich weiß von nichts", wehrte Charlie Braun ab, "ich lag rücklings im heißen Sand der Sahara. Mehr war nicht."
"Schade", warf Manfred ein.
"Eine Abkürzung durch die Wüste!", Gretapeter schüttelte den Kopf, "das hat keinen Stil."
"Gegen alle Naturgesetze, es sei denn, dieser große Programmierer steckt dahinter."
Olaf Goldrohr drehte sich einen Zopf. "Niemand mehr interessiert sich für deine Ausflüge, Punkt", bestimmte Hexe.
"Ich wüsste schon gern, was mir passiert."
"Niemand mehr da, der das aufklären könnte", warf Manfred dazwischen.
"Wild Palms LA vermisst dich", sagte Olaf Goldrohr.
"Du lügst schon wieder." Olaf Goldrohr lehnte sich vor. "Das ist kein lustiges Geplänkel. Wenn du in diesem Leben noch ein Problem hast, dann ist es Wild Palms LA. Gegen alle anderen Probleme baut Hussein holografische Straßensperren."
"Möchtest du jetzt deinen Tee, lieber Olaf?", fragte Marie-Luise.
"Wir werden ein Erinnerungsprotokoll anfertigen", antwortete Olaf.
"Und morgen machen wir eine gründliche Untersuchung", ergänzte Professor Karola Müller-Weißbach.
"Mir fehlt doch nichts."
"Nur ein paar flotte Jahre", warf Manfred hin.

Am späten Abend sah sich die Hibaré-Familie noch alte Filmclips aus Michas Sendereihe "Anteil der Homosexualität an der Menschwerdung des Affen" an:
"Wissen Sie, Micha, seit Jahren suche ich mein homosexuelles Ich", sagte Holger Mitzewitzky, ein großer, schöner, kräftiger Mann Mitte dreißig in einem der Talks 2084 zu Michael Müller, dem Talkmaster.
"Und nicht gefunden?", fragte Michael Müller zurück; damals noch mit Afrolook.
"Nicht gefunden."
"Wonach suchen Sie da?"
"Ich will alle Männer lieben."
"Sie lieben nicht mal 0,05 % aller Frauen."
"Ich liebe alle Frauen."
"Und dann lieben Sie noch den lieben Gott."
"Ja, ist das verkehrt?"
"Nun mal keine Mätzchen mehr. Wir sprechen hier vom Sex mit einem Mann."
"Schon. Aber ich will diesen Mann auch lieben. Ich meine, richtig sexuell lieben. Aber nicht mal einen Funken Geilheit spüre ich beim Anblick eines Mannes."
"Ist ein schwieriges Alter zwischen dreißig und vierzig", warf Michael Müller ein.
"Ich habe schon viel versucht", setzte der große, schöne und kräftige Mann fort, "Männer auf meiner Arbeit, auf der Straße, in fremden Städten, in Pornos und in Darkrooms. Nichts. Ich denke dann an diese dunklen, dicken, rasierten Schamlippen feuriger Frauen."
"Für Sie gibt es nur einen Mann. Nicht einen Typ Mann. Nur einen Einzelnen und nur diesen Mann."
"Ach! - Das klingt interessant."
"Der ist Atomphysiker."
"Wo find ich den?"
"I wo, den dürfen Sie nicht suchen. Der muss Ihnen begegnen."
"Und wo?"
"In Peru."



Heiligabend im Hibaré

Um sechzehn Uhr traf sich die Hibaré-Familie zu Stollen und Kaffee. Im Kreis der Lieben wurde bei echtem Kerzenschein das abendliche Weihnachtsfest eingeläutet. Auf dem linken Homopoly-Steuerpult stand mitten in einer anmutigen Winterlandschaft aus Spritzsprühschnee ein Puppenhaus. Dreistöckig, breites, schweres Dach und giebelseitig lange Holzbalustraden. Über den Eingang stand "Pension Mutzenbacher" direkt auf die Hauswand geschrieben. Die Rückseite war ein offenes Puppenhaus. In den oberen Stockwerken befanden sich Schlafzimmer, Massageräume und Ateliers im Stile von 1900. Im Erdgeschoß gab es ein Krippenspiel. Am Empfangstresen stand Michael Müller als Maria mit dem Jesuskind Charlie Braun im Arm, hergestellt aus einem hochwertigen Schnitzkunststoff. Im Salon daneben verteilten sich halb nackt entfernte Verwandte der Hibaré-Familie auf den Sofas und an der Bar. Sie trugen seidene, pastellfarbene Tücher als Kopfputz. Im Badehaus rechts stand die Krippe in Form einer goldenen Muschel. Darin lagen Marie-Luise Rappler als kleine Jesua und Gretapeter als heiliger Sebastian mit einer winzigen Packung Wäscheklammern. Vater Joseph mit dem Gesicht von Hexe beugte sich über sie und lächelte. Oben auf dem schneebedeckten Dach der "Pension Mutzenbacher" leuchtete über alldem der Stern von Bethlehem.


Der weiße Spritzsprühschnee führte rechts rüber in das weiße Tafeltuch mit den Sammeltassen um 1960 und einem großen Lebkuchenherz, dem schon die rechte Herzkammer fehlte. Daneben eine Schwarzwälder Kirschtorte, der Dresdener Stollen, die Kaffeekanne und eine Kristallschale mit braunem Zucker. Nun ging das weiße Tischtuch in einen verschneiten Tannenwald aus Modeleisenbahndekoration auf dem rechten Homopoly-Steuerpult über mit verschneiten Tannenbäumen und eine Futterstelle mit Rehen und Hasen. Auf der hellen Lichtung davor an einem sprudelnden Bach standen Colin Farrell als Knecht Ruprecht und Brigitte Bardot als Weihnachtsengel. Während das Bächlein sich durch seine vereisten Ufer drängte, tanzte die Bardot immerzu um die eigene Achse und der Farrel warf immerzu Schnee in die Luft. Der Schnee fiel dann als Glitzersterne hernieder. "Schneeflöckchen, Weißröckchen" klang jetzt durch den Saal. Alle Familienmitglieder trugen für den heutigen Abend silberne Pelzkrägelchen auf ihrer Abendgarderobe, saßen aber noch um die Kaffeetafel, die sich vom linken Homopoly-Steuerpult bis zum rechten Homopoly-Steuerpult zog. Luises kleiner Sohn spielte auf dem rechten Homopoly-Steuerpult mit einem programmierbaren Pferdeschlitten, der von zwei fliegenden Schwänen gezogen wurde. An die Erwachsenen verteilte Hexe bereits die Arbeit. Sie erklärte wie das mit der neue Weihnachtstombola funktioniert, bei der jeder Teilnehmer etwas gewann, das lag innerhalb der Kalkulation, heute, am 24. Dezember 2076.
Olaf Goldrohr schaute nach dem Panel hinter den Homopoly-Steuerpulten. Majestätisch zog da die Milchstraße vorbei. Man konnte sie hören. Gretapeter hatte sich zu den Zuschauerrampen gewandt und entdeckte eine defekte Beleuchtung auf der dritten Ebene. Zwei breite Treppen stiegen gegenüber zu einem Märchenwald an. Weihnachtsbäume, metallic-taubenblau, gruppierten sich auf den vier Ebenen. Der Tanzboden unterhalb der vier Ebenen und die Treppen nach oben zu den Ausgängen leuchteten jetzt weiß und gelb. Oben, die Wand mit den Ausgängen zum Foyer war dekoriert wie der Palast aus dem Märchenfilm "Die schöne Wassilissa" von 2025. Hinter all dem ruhte dezent die Matrix des Hibaré-Holostyles. Durch das Hibaré klang jetzt "In der Küche wird gebacken, helft nur alle Mandeln knacken". Mutter Braun seufzte: "Der Junge!"
Olaf Goldrohr guckte in die Tiefen des Alls: "Das Spaceshuttle hat bestimmt Verspätung."
Marie-Luise spitzig: "Der braucht seinen Auftritt."
"... seine Freiheit." Micha schälte eine Apfelsine.
"... seine Weihnachtsnummer."
Gretapeter winkte ab.
Die Stahltüren zum Foyer zischten auf. Karl-Heinz Braun kam anderthalb Stunden zu spät, Manfred im Gefolge.
"Achtung, Stufe!", rief Hexe vom Tresen her. Charlie stand oben an der linken Treppe, die Hände in die Hüften gestützt. Der silberne Kosmonautenanzug aus "Planet des Todes" oder aus "Fickstern Orion" blitzte unterm Mantel. Der Blick lief quer durch die kleine Arena zum Kaffeetisch. "Kalter Kaffee", zischte er.
Wie unter Mondschwerkraft sprang Charlie zwei Stufen zugleich hinab. Schräg hinter ihm Manfred, zwischen den Fingerspitzen Charlies Mantelschöße. "Diese Raubtiere fressen achtmal mehr tierisches Eiweiß als ein erwachsener Mitteleuropäer. Seit Häuserecken giftfrei sind, vermehren die sich ungeschlechtlich. Eine außerirdische Invasion. Ist euch das nicht aufgefallen? Diese Lebewesen kommunizieren mit Ritalinsüchtigen. Auf eine sehr ruppige Art. Hunde und Hündinnen infiltrieren im Prenzlauer Berg die kompletten Erblinien von Ritalinopfern, wie diese ›Körperfresser‹ damals. Das ist semisubversiver Wahnsinn."
"Karl-Heinz, wer ist hier wahnsinnig?" sorgte sich Brigitte Braun.
"Deine Frisur, Mutter."
Marie-Luise nahm Charlie Braun den Mantel ab: "Was ist dir passiert, mein Scheißerle?"
"Ich bin gestürzt!"
"Er ist auf gefrorener Hundescheiße ausgerutscht!", schob Manfred nach.
"Oh, Kackski mahatshi!"
"Sämtliche Knöpfe sind mir vom Mantel geplatzt."
"Günstige Gelegenheit. Ein schwarzer Rodeohund hat sich über seine Brust hergemacht."
Manfred hielt seine Arme schützend übers Gesicht.
Olaf: "Natürliche Selektion."
Hexe: "Diese Hunderassen müssen im Training bleiben."
Manfred: "Brust oder Keule."
"Zurück nach Hause, den Mantel wechseln, Telefon und Privatnews. Und ein Weihnachtsgeschenk fürs Hibaré. Von Hussein." Charlies Nase prüfte die Kaffeetafel. "Ist er schon da?" - "Wer?" Küsschen für Marie-Luise. "Wo ist dein kleines Kind?" Dann Küsschen-Küsschen mit Mutter Brigitte Braun, danach mit Olaf Goldrohr, Gretapeter und Micha, schließlich küsste er noch Hexe und Arthur hinterm Tresen und Luises Sohn unterm linken Homopoly-Steuerpult. "Frohes Fest. Nein", Charlie sah sich um, "freudiges Fest."
"Weihnachtslicht über den Tischen, los, los!" Hexe scheuchte alle an die Arbeit. Die Krippenspiele wurden in die Homopoly-Steuerpulte versenkt. Weihnachten 2076 bei der Hibaré-Familie. Der 24. Dezember fiel auf einen Donnerstag. Unter der Woche fand im Hibaré donnerstags "Geselligkeit für AnfängerInnen" statt. Daran sollte auch der Heilige Abend nichts ändern.

Ganz egal. Wettlauf verloren. Chemie schneller als Vernunft, kostete schon mal eine Hand und beide Augen im Schützengraben oder im Silvesterfeuerwerk. Kinderspiele für die Kinder der Erde. Ein paar Nukleotide aufblitzen und verschwinden lassen. Geläutert, frisiert, mediengerecht zurück in die Keimzelle. Die kleinen Tricks des 21. Jahrhunderts. Ein Jahrhundert später der verdiente Lohn.
2016 lud am Hackeschen Markt ein Café zum Tanz in den Feierabend ein. Das nannte sich Hibaré. Ab 14.00 Uhr deutsche Schnulzen, lateinamerikanische Rhythmen und Discomusik. Man eilte vorbei, hörte bekannte Melodien, sah einfache Leute in buntem Licht hüpfen und sich drehen. In der Eile war gar nicht zu erkennen, dass dort auch Frauen mit Frauen und Männer mit Männern tanzten. Ein flüchtiger Gedanke, schon dran vorbei. 2020, zu Beginn des Dreißigjährigen Kriegs, zerstörte ein explodierender Munitionszug den Hackeschen Markt und das Hibaré. Chemie war eben schneller als Vernunft.

2075 gründeten Luise und Charlie das neue Hibaré. Im alten Netz entdeckten sie den Namen für ihren Klub. Die fröhlichen Filme und der freundliche Ton aus dem Laden am Hackeschen Markt vor sechzig Jahre waren wie Botschaften aus Parallelwelten. So stand der Name gleich fest, alles andere nach und nach, Ausstattung, Gastronomie, Notausgänge, Sanitärflächen, Belüftung und Schallisolierung und Nebengelasse.
Die Bauaufsicht ließ sich sowieso nicht blicken. Seit dem Krieg arbeiteten die Büroautomaten selbstständig. Die verschickten Auflagen, Mahnungen und Androhungen übers neue Netz. Manchmal fiel man drauf rein, wenn's irgendwie vernünftig klang. Berlin hatte viel Platz und wenig Einwohner, und in den Verwaltungen begann bereits, die Chemie des HomoBlockers zu wirken. Berliner Beamte waren inzwischen ausnahmslos geblockt, Berliner Angestellte zu achtzig Prozent, 2075 weit über den Berliner Durchschnitt. An den Berliner Beamten hätte man schon erkennen können, wohin dieser HomoBlocker führt: Die Bediensteten mailten nur noch untereinander und schickten sich Sätze wie "mehr netto vom brutto" und "Arbeit muss sich wieder lohnen". Kommunikationsunlust. Kein bürokratischer Biss mehr. Teilnahmslos gegenüber der Verbesserung von Recht und Ordnung, gerade deshalb wurde jedes neue Gesetz einfacher als das vorangegangene. In Finanzkreisen ging es ähnlich zu. Börsencomputer kümmerten sich um die Leerverkäufe. Geblockte Börsenmakler sahen ihnen vierzehn Stunden am Tag zu und waren abends recht schaffend müde.
Geblockte Politiker verweilten bei mindestens 30 Kilo Übergewicht. Wählerfrühstück, Vorort-Brunch, Verkostung bei der Berliner Tafel, Kaffee und Kuchen in der Senioren-Disco, Parteiversammlung beim Schnitzelwirt. Geblockte Lobbyisten verteilten Sponsoren- und Bestechungsgelder wie im Vorjahr und wie im Vorvorjahr. Frei von Reformfantasien, Machtkämpfen und Untersuchungsausschüssen erledigten 2075 die geblockten Leistungsträger ihre täglichen Pflichten. Zuverlässigkeit und Disziplin, Fleiß und Pünktlichkeit herrschten in den Amtsstuben und Dienststellen. Dies alles - und das war eben anders als früher - dies alles ohne Unruhe zu stiften. Slogans wie "die internationale Gemeinschaft muss handlungsfähig bleiben" und "auf die jüdisch-bolschewistische Verschwörung wird zurückgeschossen" blieben für immer verstummt. Die mentale Reduktion der pränatal geblockten Leistungsträger schuf Frieden, Freiheit und Selbstbestimmung damals in den Siebzigern und Achtzigern.
Um 2084 nannte Professor Karola Müller-Weißbach diesen merkwürdigen Kommunikationsverlust "Konstruktives ADS" und "Adultes Aufmerksamkeitsdefizit (AADS)". Noch Anfang der Achtziger war der Befund unauffällig und die Symptomatik schleichend. Streicheltiere in Berliner Haushalten nahmen quadratisch zur Zahl geblockter Familien zu und die Tiere blieben viermal länger als früher in ihren Familien. Aber wer wollte damals diese vermehrte Tierliebe dem Verlust an homosexuellem Potential zuschreiben. War ja auch nur zwei Generationen lang so. Dann hatte die reine Heterosexualität alle anderen Magnetismen besiegt. Selbst die Tierliebe.
Für die Gründung des Hibaré waren die Siebziger die perfekte Zeit. Alles funktionierte noch, jeder konnte alles haben und immer weniger brauchten es. Berlin hatte auch Jahrzehnte nach dem Dreißigjährigen Krieg viel Platz und wenig Einwohner und der HomoBlocker eroberte die Chefetagen. Also eröffnete Charlie, ohne zu fragen, innerhalb eines Dreivierteljahres die heiklen Unterführungen und Überbauten nach hinten raus, selbstverständlich mit einer Extra-Performance und mit dem Durchschneiden eines Regenbogenbändchens. Zu der Zeit hatte das neue Hibaré bereits sein Publikum und allein in den neuen Ballsaal OBEN passten 600 Sitzplätze und UNTEN amüsierten sich bequem 200 Gäste unter den Sitzplätzen OBEN. Dazu 80 Sitzplätze auf der Balustrade und 50 im Foyer.


Täglich Party und kostenloser Sex bei gutbürgerlicher Unterhaltung. "Berliner Persönlichkeiten verdrehen mitten im Gespräch die Augen, lehnen sich zurück und stöhnen unappetitlich auf", so stand es nach der Eröffnung des neuen Ballsaals im Abendkurier. Ab 76 gab es Zauberprogramme, Lichttonspiele, die familienfreundliche Spezialparty "Geselligkeit für AnfängerInnen", Greta-Peters Partnerberatung "Ornella und der Versorger", wissenschaftliche Vorträge, Projektberatungen, Michas Filmabende und schließlich die große Samstagabendfamilienshow.
Olaf Goldrohr übernahm damals die Öffentlichkeitsarbeit und warb mit "Nachbarschaftshilfe" und "Du bist nicht allein, wenn du träumst, heute Abend". Ab dem Sommer kam am Dienstagabend noch der Donnerstalk dazu und für besondere Anlässe die Hibaré-Dienstuniformen. Irgendwer hatte mal mit Olaf Goldrohr Klingonensex gemacht und Olaf war davon so entzückt, dass die alten Fernsehuniformen mit silbernen Pelzkrägelchen zu Weihnachten ins Hibaré mussten. "Das war eine Revolution damals. In der 3. Staffel von ›Stardevice‹ 2022 veranstalteten die Klingonen eine Sexorgie", erklärte ihm später Charlie, "und da gab's auch schwulen Sex. Zuerst fiel das nicht auf. Es ging drunter und drüber wie beim Kickboxen. Hin und wieder nur erkannte man Klingoninnen an ihren scharfen Dekolletés. Also bemerkte man den mannmännlichen Sex zuerst nur am tiefen Schnurren. Im Wechselgesang. Und dann sah man es ganz direkt. Mit überirdischer Macht hat da Wotan dem Thor einen geblasen, haben sich die Helden auf die Brust und die Oberarme geschlagen, ins Gesicht und auf den Hintern, mit der Faust und mit klingonischem Spezialwerkzeug. Das kann man nicht beschreiben, das muss man sehen."
"Oder erleben."
"Völlig absurd. Alle Aliens durften mit Menschen Sex haben, aber immer nur heterosexuell. Einmal gab es Quasilesbensex, aber schwulen Sex gab es erst mit dieser einen Klingonenorgie."
Mit Frauen bahnte Olaf Goldrohr immer auf die gleiche Weise Sex an. Er spielte den sanften Beschützer und eventuellen Ernährer, der über eine starke aber kontrollierte Libido verfügte. Nur mit seinem Gesicht und seinen Händen bei etwas Small Talk über Preußischblau in der Werbung unterbreitete er der Frau, warum zum Beispiel Naturkautschuk in vielfältiger Weise jung und schön macht. Bei einem Mann hingegen tat er unerfahren, wie von einem fernen Stern, beschäftigt aber neugierig.
Als er sich dann sicher fühlte auf dem Terrain der homosexuellen Lust beschrieb er auf Nachfrage sein Engagement mit immer denselben vier Sätzen: "Der Spielspaß und der Scherzschmerz, die machen mich bei Männern an. Bei einem originellen Angebot komme ich von null auf hundert. Da ist mal einer, vor Moskau damals, mit mir nackt Fahrrad gefahren. Der hatte mich zu einem Waldpicknick eingeladen und war immer nackt vor mir hergefahren.






Anfang letztes Kapitel

Das Universum ist eine Zwiebel

Die Leber bestand aus neongrünem Polystyrol und der Magen leuchtete von innen her orange. Das Gedärm ähnelte einem Gewirr von Gartenschläuchen. Kabel mit Steckverbindern bildete das Gefäß system. Seit zwei Stunden beobachtete Charlie seine Innereien. Das Nervengeflecht lag wie ein glitzernder Vorhang über allen Organen. Nach zwei Stunden fing man an die Ganglien zu zählen. Die Zeit. Die Zeit gab's häppchenweise. Slideshow vor den Fenstern. Manchmal war ein Sturmbild dazwischen, und etwa dreimal im Jahr regnete es. Charlie zählte mit: Ungefähr jedes zwanzigste Bild Regen auf das Dach gegenüber. Jedes fünfzehnte. Jedes zehnte. Das Dach gegenüber. Die Ziegel verschwanden. Nebenan sah man schon das Innere des Hauses. Waren da nicht Menschen? Und Katzen? Ja, wo waren die Menschen? Charlie bekam Hunger. Er sah an sich herab. Die Beine ließen sich ganz normal bewegen, die Arme auch. Charlie machte eine Kerze. Dünne, farbige Plastikseile liefen über Rollen in den Gelenken. Aber solange alles normal funktionierte, wie jetzt gerade auf dem Weg zum Kühlschrank, benutze Charlie es auch ganz normal. Nur mal anfassen. Ob man was spürt? Er tippte auf den leuchtenden Magen, da war der Hunger weg und der Magen färbte sich dunkelrot. Trotzdem wollte er jetzt die Tür des Kühlschranks öffnen. Seine Hand verschwand in der Oberfläche. Auch das noch. Er steckte seinen Kopf durch die Tür. Die Rückwand des Zimmers. Glatt, grau sah sie aus und fühlte sich kühl an. Durch die Seitenflächen des Kühlschranks schimmerte das Zimmer. Alles holographisch, kennt man ja, irgendwer zauberte hier. Charlie schritt den wirklichen Raum ab. Dreieckig. Nur sein Bett, der Nachtschrank, die Tür und die beiden Fenster hatten fühlbare Konturen. Auf das Bett konnte man sich sogar werfen. Charlie starrte an die Zimmerdecke und dann auf seine Organe. Zweimal fort und verschwunden, und nun noch verzaubert. So war mein Leben? …





344 Seiten mit Chronologie des HomoBlockers.
inzwischen vergriffen, antiquarisch hier und da zu haben,
liegt in einigen Bibliotheken
ISBN 978-3-000266690

info@homoblocker.de

Peter Rausch wendet sich mit seiner in der nächsten Zukunft stattfindenden Geschichte gegen die auch in Deutschland neu entflammte "naturrechtliche" Bewertung menschlicher Sexualität. Seine Sicht auf Sex, Moral, Fortschritt und menschliche Vernunft demontiert Denkmuster. Und ist Erlösung?
Die Menschheit erfüllt sich im einundzwanzigsten Jahrhundert endlich einen alten Traum: den perfekten Mann und die perfekte Frau. Von Mai bis August 2022 wird eine freiwillige Gruppe von einundzwanzig werdenden Müttern mit einem Neurotransmitterpräparat behandelt.
Die in dem Forschungsteam geborenen Kinder entsprechen in angenehmer Weise den klassischen Vorstellungen von wohlgeratenen Jungen und Mädchen. Wunschkinder. Leibliche Eltern. Glückliche Familien. Sie wachsen körperlich gesund, optisch gefällig und geistig vielversprechend heran. Nichts Spektakuläres. Wohltemperierte Zeitgenossen sind da auf dem Weg zu aller Freude. Und der Weg erweist sich weder als mühselig noch als kostspielig.
Der Roman "HomoBlocker" entwickelt nun die Konsequenzen. Zweite Hälfte dieses Jahrhunderts. Berlin ist die Bühne:
Mitte der 2080er unterhält die Hibaré-Familie den liederlichsten Laden im ungeblockten Berlin: das Hibaré. Das Hibaré funkelt wie Moulin Rouge, Hippodrom, Scala, Tivoli und Bahia Tropical zusammen die Straße runter bis zum S-Bahnhof. Das Hibaré zieht sich in seinen besten Jahren von einer Nebenstraße im Prenzlauer Berg bis zu einer nächsten.
Der Leser wird durch eine sich eventuell einstellende Welt von realistischer Absurdität geführt. Destruktive Vorgänge, deren Anfänge uns heute kaum Sorgen bereiten, entfalten sich in ganzer Pracht. Dies vor dem Hintergrund einer erfolgreichen biochemischen Manifestierung von dichotomer Geschlechtsidentität und heterosexueller Orientierung, im Volksmund des vorangeschrittenen 21. Jahrhunderts "HomoBlocker" genannt. Dem entgegen setzt die Hibaré-Familie ihre Einsichten, Lustbarkeiten und Schauplätze. Eigentlich alles wie heute, nur bruchfest und ohne Rückfahrkarte.



Peter Rausch, 1950 in Berlin Friedrichshain geboren.
Er ist Diplomingenieur für Elektroniktechnologie und
arbeitete bis 1991 im Hochschulwesen der DDR und der Bundesrepublik.

1973 gründete er zusammen mit anderen die erste
schwullesbischbitransexuelle Emanzipationsgruppe
in der DDR, die HIB (Homosexuelle Interessengemeinschaft Berlin).
Ende der 80er Jahre setzte er die Emanzipationsarbeit beim
Berliner Verein »Sonntags­Club« fort.

Seit 1998 ist er in den neuen Medien tätig.
Webmaster, Cutter, Spezial-Effekte, DVD-Produktion und Grafik/Audio.







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Zu jener Zeit,
als die menschliche Vernunft nicht mehr Schritt hielt
mit der industriellen Entwicklung, entstand die Idee
vom HomoBlocker.

alles parat

1. Technologien druckten Gutscheine auf Allmacht - nicht nur für die Eroberung der Welt.
Auch muntere Sittenrichter erkannten schnell die neue Dimension: Vielleicht kann man nun endlich etwas wirklich Wirksames gegen Homosexuelle tun, ohne sie gleich töten zu müssen. Nicht mehr diese unappetitlichen Maßregeln: Sexverbot, Demütigung, Verdächtigung, Gefängnis, Berufsverbot, Bespitzelung, Ächtung - so kulturlos, verbohrt und leichtfertig. Vielleicht ging's mit weniger Gewalt und weniger Aufsehen, nur einen Schalter umlegen und Homosexualität ist ausgeknipst.

2. Herr Richter, was spricht er?
"... Indem ..." die psychoanalytische Forschung "auch andere als die manifest kundgegebenen Sexualerregungen studiert, erfährt sie, daß alle Menschen der gleichgeschlechtlichen Objektwahl fähig sind und dieselbe auch im Unbewußten vollzogen haben."1
Doch so schlimm?
Was Sigmund Freud da 1915 beschrieb, war ungeheuerlich: Alle, alle waren gefährdet. Alle waren von Geburt her infiziert. Hätte man auch feiern können. Aber Freud legte fest, "… dass es sich (bei der Inversion) um Störungen handelt …"2 und bürgerte Homosexualität in die Rubrik "Die sexuellen Abirrungen"3 aus.

3. Wenn uns der HomoBlocker erspart bleibt, dann nur weil er nicht herstellbar ist. Armselige Hoffnung.
Aber in dem hier beschriebenen Fall brauchte es nur hundert Jahre von der Idee bis zur Realisation. Unerschütterlicher deutscher Forscherdrang. Keine Bewusstseinserweiterung, keine Wissenschaft und Aufklärung bewahrte uns davor.

1)Sigmund Freud, Essays Teil I Zusatz von 1915 zu den "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" Verlag Volk und Welt 1989, S.132
2) ebenda, S. 130
3)ebenda, S. 120



Chronologie des HomoBlocker

1936
Gründung des "Göring-Instituts". Untersuchungen zu den Ursachen und zur "Therapie" der Homosexualität.
nach Mildenberger, Florian
"In die Richtung Homosexualität verdorben"
Bibliothek rosa Winkel, Sonderreihe Wissenschaft, 2002, S.245ff

1951
In den 50er/60er Jahren versuchten Vertreter der westdeutschen Medizin mit Stromschlägen aus
dem Konvulsator III Homosexualität zu "heilen".
https://de.wikipedia.org/wiki/Reparativtherapie

1978
Dörners Tierexperimente mit pränatalen Hormonstimulationen
stellen eine Verbesserung der prophylaktischen und
therapeutischen Möglichkeiten der Homosexualität in Aussicht.
Siegfried Schnabl,
Intimverhalten Sexualstörungen Persönlichkeit,
VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, 1978,
4. Auflage, S. 47 unten

1990
in der Berliner Charité wird nach den endo­krinologischen Ursachen der Transsexualität geforscht.
Aus Gesprächen mit Involvierten

1990
Simon LeVay untersuchte
in einer Region des Hypothalamus
einen Zellknoten (INAH-3), der das Sexualverhalten
beeinflusst. Er stellte fest, dass INAH 3 bei schwulen Männern
und bei Frauen kleiner ist als bei heterosexuellen Männern.
nach NZZ Folio 07/00 - Thema: Mann und Frau
Ein schwuler Kopf
Interview mit dem Sexologen Simon LeVay.
Von Urs Bruderer

1993
Der amerikanische Forscher Dean Hamer will ein
"Schwulen-Gen" auf dem X-Chromosom entdeckt haben,
das für die männliche Homosexualität mitverantwortlich
sein soll.
Ein Gen für alle Fälle, von Jörg Albrecht
DIE ZEIT, 36/1998

1997
Dioxine machen schwul
... Dioxine können den Sexualinstinkt von Männern so verändern,
dass sie ihr Interesse an Frauen verlieren und homosexuelle
Neigungen entwickeln. Das ergaben japanisch Studien ...
Videotext News von SAT1 TEXT, 15.12.1997


1998
Erfolge eines britischen Wissenschaftlers:
Er will "... jüngst entdeckt haben, dass die Fingerabdrücke
von männlichen Homosexuellen stärker den Fingerabdrücken
von Frauen ähneln als denen von heterosexuellen Männern ..."
Berliner Zeitung, 12. 02. 1998

2002
Wissenschaftler haben per Gentechnik erstmals
homosexuelle Fruchtfliegen erzeugt
Berliner Morgenpost 20.09.2002

2005
… Es ist die erste Untersuchung,
wie die Gruppe um Hamer betont,in der das gesamte
menschliche Genom nach Erbanlagen durchforstet wird,
die als Auslöser der männlichen Homosexualität
in Frage kommen ...
Aus FAZ_NET Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung,
08.02.2005, Nr. 32 / Seite 34

2008
Schwedische Forscher finden Charakteristika für
sexuelle Orientierung im Hirn …

Die rechte Hälfte des Großhirns ist etwas größer als die linke.
(Im Kleinhirn gibt es keinen solchen Unterschied.)
Das gilt nur für heterosexuelle Männer: Die Hirne von
Homosexuellen sind - im Durchschnitt - so symmetrisch wie
die von Frauen.
http://diepresse.com/home/techscience/wissenschaft/
391432/index.de
16.06.2008 19:52 (Die Presse)

2012
Zitat: "Jetzt aber fand ein internationales Forscherteam
um den Evolutionsbiologen William Rice von der
University of California in Santa Barbara heraus, dass
Homosexualität doch angeboren ist. Ihrer Studie zufolge
- veröffentlicht im Fachmagazin
"The Quarterly Review of Biology"
-
liegt die Ursache dafür tatsächlich nicht in den Genen, sondern
in der Genregulation. Entscheidend dafür sind sogenannte
epigenetische Faktoren ...
Gelangen diese geschlechtsspezifischen Epimarker jedoch
in die Keimbahn und werden von Vätern an Töchter oder
von Müttern an Söhne weitergereicht, kehrt sich ihr
Effekt um: Söhne nehmen teilweise weibliche Eigenschaften an – etwa die sexuelle Präferenz –, und Töchter entwickeln männliche Züge. Mit ihrem Modell konnten die Forscher überdies zeigen, dass der Mechanismus evolutionär Bestand hat und sich in der Bevölkerung ausbreiten kann. Denn die Gene, die diese geschlechtsspezifische epigenetische Regulation auslösen, bringen bei der Fortpflanzung einen Vorteil mit sich: Sie können die Fitness und damit die Attraktivität der Elterngeneration steigern."
Quelle: https://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/sexualitaet/erotik/tid-28715/forscher-sind-sich-sicher-ursache-von-homosexualitaet-gefunden-genregulation-als-entscheidender-faktor_aid_885683.html

2014
Für eine Studie mit funktioneller Magnetresonanz­Tomographie
zu Empathie bei Männern an der Charité-Campus Mitte
suchen wir aktuell homo- und bisexuelle Männer ab 40 Jahren.
http://www.sexualmedizin.charite.de/aktuelles/28. 06. 2014

2018
Zitat: "Laut einer neuen Studie kann die Länge
des Ringfingers Hinweise darauf liefern, ob eine Person
homo- oder heterosexuell ist.

Das ist das Ergebnis einer Studie von Forschern der
Essex University im südostenglischen Colchester, die
die Hände von 32 eineiigen Zwillingspaaren untersucht hatte.
Von den Zwillingspaaren war jeweils ein Zwilling schwul,
lesbisch oder bisexuell und der andere heterosexuell.
Die Ergebnisse veröffentlichten die Forscher jetzt in einem
Beitrag im Fachmagazin 'Archives Of Sexual Behaviour'."
Quelle: https://www.queer.de/detail.php?article_id=32159

2018
Zitat: "Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass es
kein Homo-Gen gibt", erklärte der Statistiker Andrea Ganna
nach Angaben der Fachzeitschrift "Science" am Freitag bei
einem Treffen von Genetikern im kalifornischen San Diego.
"Vielmehr wird Nichtheterosexualität zum Teil beeinflusst
von vielen kleinen genetischen Effekten."

Der Wissenschaftler von der Harvard Medical School stellte bei
seiner Rede die ersten Ergebnisse der Studie vor.
Quelle: https://www.queer.de/detail.php?article_id=32193

2022
Von Mai bis August 22 wurde nun die erste
freiwillige Gruppe von einundzwanzig werdenden Müttern
mit unserem Neurotransmitterpräparat behandelt.
Die demnächst geborenen Kinder werden nach
einem komplexen Programm möglichst bis
zum fünfzigsten Geburtstag beobachtet.
Wir gehen davon, dass bereits nach dem ersten Jahrzehnt
zuverlässige Daten zur Korrelation unseres Medikaments
mit der Entwicklung von Geschlechtsidentität und
sexueller Orientierung zu gewinnen sind.
Aus dem Versuchsprotokoll CH30-2-2 vom August 2022,
Berliner Charité

2032
Europäische Zulassung von Transvir und Retrokonträr nur
unter strengen Auflagen: zertifizierte Frauenärzte,strenge
Testalgorithmen, enge Zeitfenster, eindeutige Prognosen.

Fachleute rechnen jedoch damit, dass die inzwischen
standardisierte Behandlung in absehbarer Zeit breite Anwendung
finden wird. Fehlbehandlung ist praktisch ausgeschlossen.
Rundschau, Heft 4 vom 20.01.32
Unter "kurz notiert"

2033
Alle Kinder aus den finalen Versuchen sind gesund
herangewachsen. Geschlecht und Sexualität haben sich
in geradezu idealer Weise ausgeprägt.
Aus "Die moderne Schwangerschaft", Heft 2, 2033

2036
HomoBlocker im Tank
Die irrsinnige Suche nach neuen Treibstoffen
hat nun auch Neurotransmitter in den Fahrzeugtank befördert.
Biotreibstoffe erhöhen ihre Leistungskraft um ein mehrfaches.
Spezielle Neurotransmitter, die auch in pränatalen Korrektur
Anwendung finden, haben sich besonders bewährt.
Bild der Wissenschaft, Sonderausgabe Energie, Herbst 2036

2040
Die Aktion Mütter gegen die Spritze beendet ihre Tätigkeit.
Pressemitteilung der Aktion "Mütter gegen die Spritze"
vom 26.05.2040

2047
Frauenfußball in der Endrunde
Der DFB schließt im September das Trainingszentrum Potsdam,
die letzte Kaderschmiede des Frauenfußballs. Weder S-Unterricht,
Job-Kaution noch Frauenförderung locken Mädchen gegenwärtig
in die Nachwuchsförderung.
"Sport vor Ort", Newsnet Brandenburg,
Erntedankfest-Ausgabe 2047

2053
Der Film "Elementarteilchen" kommt demnächst in die Kinos.
Dieses Remake siedelt seine Handlung im Berliner Milieu
der nicht pränatal behandelten Mittelschicht.
Raffinierte Bilder von Exzess, Schuld, Bestrafung, Sühne und
Vergebung machen diesen Streifen zu einem ergreifenden Kinoerlebnis.
"kino alternativ" , Jugend-Filmmagazin Nr. 6/53,
deutschsprachige Ausgabe, Rubrik "streiflichter"

2056
Die Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung
korrigierende Medikamente, land­läufig als HomoBlocker
bezeichnet, sind in die Volksgesundheit integriert.
Monographie "Männer und Frauen unserer Zeit",
Paul Lehmann, März 2056

2066
Die Wende
In Europa werden 50 % der Ungeborenen im
fünften Schwangerschaftsmonat pränatal stabilisiert,
aber die Wirksamkeit dieser Medikamente ist bereits bei 60 %
der Neugeborenen nachzuweisen.
Berliner Zeitung, Wissenschaftsausgabe, August 2066

2070
Vorläufer von Retrokonträr-TP ist unterdessen im
asiatischen Vertrieb. Überwiegend junge Leute popularisieren
das Medikament. Höhere Chancen in Kariere und Privatleben
verbinden sie damit.
"In und out", Pharmazeutisches Mitteilungsblatt

2075
Zwei Drittel der Berliner sind bereits pränatal geblockt.
Rundschreiben des Berliner Senats vom 19.08.75

2084
HomoBlocker für Erwachsene auch in Deutschland
Die Ehe- und Sexualberatungsstellen bieten
ungeblockten Patienten eine Kombinationstherapie an.
Diese setzt sich zusammen aus einem Trainingsprogramm,
einer motivierenden Gesprächsführung und
einer sechswöchigen Medikamentengabe.
Stadtteilfernsehen "Wasserturm",
Gesundheitsmagazin "Prenzel Praxis". 09.10.2084



2086
… vom Stamping hörte man als Einstellungsvoraussetzung
für männliche Bewerber.
Wirtschaftsmagazin "Branchenbuch" , Seite 74,
"Lohnarbeit im Wandel"

2087
Die Renaissance des Rauchens.
Nikotin verstärkt die Wirkung von Retrokonträr-TP.
Die Zigarillo-danach in einer netten Snack-Bar ist en vogue.
"Nur für Dich" Lifestyle-Magazin, SP 23-76-81

2090
"… Das Wetter ist schön. Das Essen schmeckt. Ich war
schon zweimal baden …"
Geblockte Jugendliche schreiben so ihre Ferienkarten,
nach Hause und ändern das auch nicht mit
fortschreitendem Alter. Im Unterschied jedoch zur
Vergleichsgruppe der Nicht-Geblockten ist
die Rechtschreibung der Geblockten perfekt.
Karola Müller-Weißbach,
Studie "Kognitive Defizite bei Heranwachsenden", Kapitel 5



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